Die Augen des Mädchens waren erfüllt mit Angst, als sie das Glas mit Gift in die Hand nahm und trank. Raunen und Keuchen lief durch die Gruppe der Kinder, die sie gebannt beobachteten. Ich hingegen wartete mit verschränkten Armen auf ihre Reaktion. Und wie lang es dauern würde, bis die anderen ihre Symptome erkannten. Die Pupillen des Mädchens weiteten sich, ihr Gesicht lief rot an. Instinktiv griff sie an ihren Hals und begann, zu röcheln. Binnen weniger Sekunden war sie ohnmächtig geworden.
„Los“, sagte ich bloß.
Sofort rannten ihre Freunde zu ihr. Ihre Blicke huschten über den Körper. Eine von ihnen, Mira musste es sein, hatte begonnen, ihre Lider zu spreizen, um einen besseren Blick auf die Augen zu erhaschen. Wieder ein anderer, Kian, untersuchte ihre Fingernägel. Ich legte meinen Kopf schief. Ob ich mit elf Jahren jemanden so genau untersucht hätte? Wie die Zeiten sich ändern, dachte ich überrascht. Ich schaute auf meine Uhr. Fünf Minuten hatte ich den Kindern gegeben, dann hatte sich das Gift so weit in dem Mädchen ausgebreitet, dass kein Gegengift sie retten könnte. Jetzt hatten sie noch drei.
„Nachtschatten!“, rief Kian in meine Richtung.
Ich hob meine Augenbraue. Für einen Moment genoss ich die Mischung aus Ungeduld und Panik in den Augen des kleinen Jungen. Dann griff ich in meine Tasche und warf ihm eine kleine Flasche und Spritze zu.
„Du erinnerst dich daran, wie man die Flüssigkeit in die Spritze zieht?“, fragte ich.
Kians Hände zitternden vor Angst, trotzdem nickte er. Geduldig wartete ich darauf, dass er meinen Vorgaben folgte. Mira legte den Arm des vergifteten Mädchens frei. Ein letzter Blick zu mir. Ich nickte ihnen zu. Kian tastete nach der besten Vene, dann spritzte er ihr das Gegengift. Die Gruppe hielt die Luft an. Ihre Anspannung hing schwer im Raum. Die Sekunden zogen sich wie Minuten, während wir darauf hofften, dass sie überlebt hatte.
Das kleine Mädchen rang nach Luft. Die Kinder, die sich um sie gescharrt hatten, jubelten. Sie hatten es geschafft. Sie hatten ihre Freundin gerettet.
Ich lehnte mich zurück und wagte einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne war schon lange untergegangen. Die wenigen noch funktionieren Straßenlampen warfen schales Licht auf die Straße. Im Inneren dieses Warenlagers war es nicht viel besser. Dass ich überhaupt etwas sehen konnte, war ein Wunder. Das Einbauen der Elektrizität hatte eine Ewigkeit gedauert und doch funktionierte nicht alles so, wie es sollte.
„Haelyn, was machen wir jetzt?“, unterbrach Kians Stimme meine Gedanken. Er und der Rest der Gruppe sahen mich mit großen Augen an. Momente wie diese erinnerten mich daran, wie klein diese Kinder waren. Der älteste von ihnen hatte erst vor kurzem seinen elften Geburtstag gefeiert.
Ich vertrieb den Kummer. Meine Geschwister und ich hatten es nicht einfacher gehabt. Durch unser Training hatten sie wenigstens eine Chance, in dieser Welt zu überleben. Ohne uns hätten andere Gangs oder eine Krankheit sie schon längst geholt. So konnten sie ihren Eltern und uns helfen.
„Wir gehen jetzt nach Hause. Es ist schon dunkel draußen und noch traue ich euch nicht zu, euch gegen die anderen zu verteidigen.“ Ich beugte mich vor und schenkte ihnen ein verschwörerisches Lächeln. „Das bringe ich euch das nächste Mal bei.“
Einige klatschten begeistert in die Hände, andere schienen fast enttäuscht zu sein. Das geheilte Mädchen, Alira, lächelte mich schwach an, bevor sie aus dem Raum lief. Ihre Haut war schon wieder rosig und ihre Pupillen normal. Sie würde noch bis morgen Kopfschmerzen haben. Das Opfer bei solchen Tests zu sein, war absolut kein Spaß, doch in meinem Alter waren wir es alle einmal gewesen. Mit weitaus tragischeren Konsequenzen für einige von uns. Es war mein Hauptgrund gewesen, für die nächste Generation die Regeln zu lockern. Das Warenlager war größtenteils nichts anderes mehr als ein leerer Raum aus Beton. Als unsere Vorfahren ihn für andere Zwecke benutzen wollten, wurden vereinzelt Tische und Stühle aufgestellt. Aber auch diese waren mittlerweile größtenteils zerstört oder verschwunden. Als meine Eltern an die Macht gekommen waren, hatte ich neuere besorgt. So konnten sich die Kinder auf das konzentrieren, was ich ihnen beibrachte. Ansonsten hatten sie hier in Diora keine Chance.
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Das Haus, in dem meine Familie lebte, war eines der noch wenigen vollständig stehenden in Diora. Seit dem Ende des Bürgerkriegs hatten machtgierige Familien dies als ihre Basis genutzt. Als architektonisches Spiegelbild des Präsidentenhauses in Prièl war es schließlich von hohem symbolischem Wert, weswegen es auch meine Eltern sofort eingenommen hatten, als ihre Zeit gekommen war. Mittlerweile waren die Steine von den Jahreszeiten gezeichnet, hielten ihnen aber immer noch stand. Selbst ohne Magie war das Gebäude beeindruckend.
Obwohl ich hier aufgewachsen war, gab es immer noch einen Teil von mir, der nur darauf wartete, für mein Eintreten angeschossen zu werden. Noch bevor ich das Gebäude vollständig betreten konnte, rannte ich beinahe gegen eine hastig laufende, menschliche Mauer. Ich runzelte die Stirn und schaute hinauf zu meinem kleinen Bruder. „Dael, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du gefälligst aufpassen sollst, wo du hinläufst?“
„Mindestens noch einmal“, sagte er mit einem entschuldigenden Lächeln. Seine nachtschwarzen Haare fielen ihm ins Gesicht und verdeckten seine Augen. An seinem markanten Kinn hatten sich Stoppeln gebildet. Offensichtlich hatte er sich nicht die Zeit genommen, sich zu rasieren
„Wo wolltest du so schnell hin, dass du einfach so in deine große Schwester rennst?“, fragte ich verwirrt.
„Probleme in den Clubs. Mom hat mich gebeten, nachzuschauen, woran es liegt.“
Sorge breitete sich in mir aus. Dael war zwar fast zwei Köpfe größer als ich und hatte exzellentes Nahkampftraining erhalten, aber das hieß nicht, dass ich ihn einfach so in Konflikte rennen lassen wollte. „Du nimmst einen unserer Wachen mit, okay?“
Er verdrehte die Augen und umarmte mich. „Ich sollte in nicht mehr als einer Stunde wieder zuhause sein. Wartet nicht auf mich.“
Seufzend sah ich dabei zu, wie er das Haus verließ, zwei Wachen an seiner Seite. Diora war kein sicherer Ort, daran hatte ich mich gewöhnt. Nur eben nicht, wenn es dabei auch um meine Familie ging.
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Moms müdes Lächeln begrüßte mich in unserem Esszimmer.
„Haelyn, schön, dass du wieder da bist. Wie lief es mit dem Kindern? Es ist noch etwas vom Essen da, wenn du Hunger hast.“ Sie deutete auf den extra für mich belegten Teller mit Gemüse, Kartoffeln und einem saftigen Stück Fleisch. Bei dem Anblick knurrte mein Magen. Dankend nahm ich ihr gegenüber Platz und berichtete ihr von dem Training mit den Kindern. Mom hatte ihre Haare nach der Arbeit aus ihrem Zopf gelöst und ihren Blazer geöffnet. So wirkte sie weniger wie die furchteinflößende Leiterin einer Gang und mehr wie eine einfache Frau und Mutter. Einzig die Waffe an ihrer Hüfte, von der sie sich nie trennte, verriet ihre eigentliche Profession.
„Das klingt vielversprechend“, sagte sie, als ich meine Erzählung beendet hatte. „Die Kinder werden ihr Wissen in Zukunft sicherlich brauchen.“
Etwas an ihrem Ton ließ mich aufhorchen. „Gibt es etwas, um das wir uns kümmern müssen?“
„Nein, nein.“ Sie winkte ab, klang aber wenig überzeugend. „Euer Vater ist bereits dabei, aber noch gibt es keine konkreten Details. Mach dir keinen Kopf.“
„Ich mache mir einen Kopf, solang meine beste Freundin an der Grenze zu Dhara arbeitet“, erwiderte ich so ruhig wie möglich. „Wenn es einen Grund dafür gibt, Wren so schnell wie möglich abzuziehen, muss ich davon wissen.“
Moms Ton wurde weicher. „Es gibt keinen Grund, Wren zurückzuholen. Aber ich verspreche dir, dass wir umgehend handeln, sollte sich etwas ändern. Auch wir wollen nicht, dass ihr etwas geschieht.“
Unsicherheit machte sich in mir breit. So beruhigend ihre Worte klingen sollten, die offensichtliche Sorge in ihren Augen strafte sie Lügen.
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Das Erste, was ich in meinem Schlafzimmer sah, war meine kleine Schwester, ihr Gesicht in meinem Kleiderschrank vergraben.
„Was wird das, wenn du fertig bist?“, fragte ich und verschränkte meine Arme.
Iris zuckte zusammen. Mit einer unschuldigen Miene drehte sie sich um, ihre Schultern hochgezogen. „Ich kann meine Bandagen nicht finden. Ich hatte gehofft, dass du mir deine eventuell ausleihen könntest?“
Ich hob eine Augenbraue. „Die wirst du zwischen meinen Klamotten nicht finden. Hättest du nicht warten können, bis ich zuhause bin?“
„Jetzt bist du ja zuhause“, gab sie zurück. „Also, kann ich deine haben? Nur, bis ich meine finde.“
Ich ging hinüber zu meiner Kommode mit dem wichtigsten Equipment und öffnete die erste Schublade. Zwischen Munition, Schlagringen, und Masken zog ich meine Handbandagen hervor. Ich hielt sie Iris hin, zog sie aber zurück, als mir etwas in den Sinn kam. „Wofür brauchst du sie eigentlich? Deine Klasse ist erst morgen Nachmittag.“
„Ich wollte noch einmal die Reihenfolge durchgehen, die ich ausgearbeitet habe. Du kriegst sie bald wieder, versprochen.“ Sie rollte mit den Augen und griff erneut danach.
„Morgen Abend“, sagte ich und gab widerwillig nach.
Sie strahlte mich an und schnappte mir die Bandagen endlich aus der Hand. Mit einem Danke verschwand sie aus meinem Zimmer. Kraftlos lehnte ich mich gegen die Kommode. Ich hatte Kontrolle über die ganze Stadt, nur nicht über meine Geschwister.