Kapitel Zwei – Caia

Manchmal fragte ich mich, wie es sich anfühlen musste, die Haut von meinen Fingern zu ziehen. Das Gefühl verstärkte sich bloß auf den politischen Feiern meines Vaters. Während er sein breitestes Präsidentenlächeln aufsetzte, starrte ich geduldig auf meine frisch lackierten Nägel. Seit fünfzehn Minuten schon war er in ein Gespräch mit den Mitgliedern unseres Rats verwickelt. Das Event ehrte seine Wiederwahl und entsprechend viele Politiker hatten sich versammelt, um ihre Pläne für Vaters zweite Amtszeit zu besprechen. Für mich waren sie hauptsächlich ein Rauschen in meinen Ohren. Sie alle erhofften sich einen Fokus auf ihre eigenen Staaten oder Städte, indem sie ihre Komplimente und Geschenke machten. Wäre ich diese Spielchen nicht gewohnt gewesen, ich hätte beinahe Mitleid mit ihnen gehabt.

„Caia!“ Die Stimme meiner Mutter holte mich aus meinen Gedanken zurück. Im Laufe des Gesprächs hatte sie sich zu uns geschlichen. Seufzend legte sie einen Arm um meine Hüfte und zog mich an sich. „Ich weiß, dass diese Feier nicht spannend ist, doch deswegen musst du nicht aus Protest hungern. Ich habe noch keinen einzigen Teller in deiner Hand gesehen.“

Ich lehnte den Kopf an ihre Schulter und lächelte. „Ich verspreche dir, ich hole mir gleich etwas. Du bist aber dafür verantwortlich, wenn ein Fleck auf meiner Bluse landet.“

Sie drückte mich und gab mir einen Kuss auf die Stirn, dann winkte sie jemandem zu und verließ mich wieder. Nachdenklich schaute ich ihr hinterher. Als Ehefrau des aktuellen Präsidenten und Enkel eines ehemaligen, war sie sehr darauf bedacht, ihre Rolle perfekt zu spielen. Sie wusste, dass ihr Aussehen zu jeder Zeit beurteilt wurde. Entsprechend beeindruckend sah sie für ihr Alter aus, auch wenn es ein offenes Geheimnis war, dass die magischen Künste unseres privaten Arztes eine Rolle dabei spielten. Manchmal fragte ich mich, ob sie ein Blick in meine Zukunft war. Wir teilten die gleichen schwarzen Haare, die schmalen, braunen Augen und die sanften Gesichtszüge. Wir sahen uns so ähnlich, dass ich es hoffte.

Der Tisch mit den Häppchen war prall gefüllt. Dutzende Tabletts aus Silber waren mit Delikatessen aus weiten Teilen des Landes gedeckt. Kärtchen für jedes einzelne beschrieben die magischen Zutaten und ihre jeweiligen Wirkungen. Keine davon war stark, zu verheerend wären die Folgen gewesen, wenn jemand durch einen Wahrheitskeks Geheimnisse ausplauderte. Spontan nahm ich mir einen Teller und griff nach den Teigtaschen mit Gemüse, die eine beruhigende Stimmung hervorrufen sollten. Das sollte mich durch den Rest des Abends bringen. Herzhaft biss ich hinein und ließ den Trubel auf mich wirken.

Der Eventraum des Parlaments war riesig. Jeder Millimeter erstrahlte im Anblick eines Waldes. Auf dem Marmorboden flackerte das Hologramm einer Wiese, während an den Wänden Vögel zwischen den Bäumen flatterten. Statt Lampen erhellten Lichtkugeln den Saal, die aussahen wie hunderte kleiner Sonnen. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie viel Zeit sie damit verbracht haben mussten, alles zu kreieren. Alles gehörte zu dem Thema der Kandidatur: Unser natürliches Erbe schützen.

Wieder hörte ich meinen Namen, dieses Mal von Vater. Ich setzte mein bestes Lächeln auf, stellte den Teller beiseite, und trat zu ihm. Seine dunklen Haare waren mit der Zeit dem Gel entkommen, verliehen ihm aber damit nur einen extra Charme, den die Parteimitglieder zu lieben schienten. Er war umgeben von einer kleinen Gruppe, die mich gespannt beobachteten. Vater legte eine Hand auf meine Schulter.

„Caia“, sagte er voller Stolz, „das hier sind die Mitglieder des Rates aus Hera. Sie haben von deinem Interesse an den Grenzgebieten gehört und wollten dich unbedingt kennenlernen.“

Woher sie all das wohl gehört hatten? Ich schüttelte ihnen allen die Hand. Eines der Ratsmitglieder, ein Mann mit dunklem Teint und warmen Lächeln drückte sie etwas länger.

„Miss Tieran, es freut mich, Sie kennenzulernen. Es kann nicht leicht sein, als Tochter von Oryn zu leben. So viel Druck.“

Lächelnd winkte ich ab. „Er macht es mir leicht, außer an Abenden wie diesen.“

Sie lachten höflich. Ein anderes Mitglied, eine kleine Frau mit feuerroten Haaren und einem Kleid, das aus magischen Flammen zu bestehen schien, erhob das Wort. „Ihr Vater hat viel darüber gesprochen, dass Sie regelmäßig den Ratssitzungen beiwohnen. Es ist lobenswert, wie sehr Sie sich in so jungen Jahren engagieren. Achtzehn, richtig?“ Ich nickte und ihr Lächeln vertiefte sich. „In Ihrem Alter hatte ich ganz andere Ambitionen.“

„Das habe ich von meiner Mutter“, sagte ich, „Das ist vermutlich erblich.“

„Wenn Sie eines Tages in der Nähe von Hera sind, bitte zögern Sie nicht, uns zu besuchen. Wir würden Ihnen gerne mehr davon zeigen.“

Überrascht neigte ich den Kopf. Mit solch einem Angebot hatte ich nicht gerechnet. „Ich danke Ihnen vielmals. Ich werde sicherlich darauf zurückkommen. Also, sofern mein liebster Vater mich von seiner Seite weichen lässt.“

Dieser schenkte mir einen spielerisch emprten Blick. Mit einem Kuss auf die Wange verabschiedete ich mich und machte mich auf die Suche nach meiner Mutter. Sie war in ein hitziges Gespräch vertieft, also vermutlich nicht ansprechbar, doch ich ließ es mir nicht nehmen, sie für einen kurzen Moment zu bewundern. Aufgrund ihrer Familiengeschichte hatte sie einen erheblichen Einfluss auf die älteren Politiker in Nayere. Auch wenn sie selbst nie im Parlament gewesen war, hatte sie sich nicht aus der Politik zurückgezogen und alles dafür getan, sich einen eigenen Namen zu machen. Selbst, als ich geboren war, hatte sie es nicht aufgegeben.

Ein heller Klang ertönte aus dem Nichts und ließ die Gespräche verstummen. Spannung breitete sich um mich heraus. Verwirrt suchte ich nach der Quelle. War es schon Zeit für eine Rede? Die Mitte des Raumes teilte sich bis nur noch eine einzelne Person dort stand. Ich runzelte die Stirn. Die Frau trug eine dunkelgrüne Jacke mit zwei Knopfreihen und mehreren Medaillen an ihrer Brust. Sie war ein Mitglied unseres Militärs. Wieso war sie hier? Und wieso kannte ich ihren Namen nicht?

„Einen wunderschönen guten Abend“, sagte die Frau ruhig. Ihre Stimme schien durch den ganzen Raum getragen zu werden, obwohl sie sie nicht erhoben hatte. „Wir haben uns heute hier versammelt, um die Wiederwahl unseres glorreichen Präsidenten Oryn Tieran zu feiern. Zuallererst, herzlichen Glückwunsch, Präsident. Auf weitere fünf Jahre!“ Sie hob ihr Glas und die Menge stimmte überein. Sie räusperte sich. „Leider sind wir heute nicht nur dazu da, das Leben zu genießen. Wie einige von Ihnen vielleicht schon gehört haben, wurde wenige Tage vor der Wahl eine kleinere Gruppe an Widersachern festgenommen, die an der Grenze den Nori geholfen haben, Waren aus Dhara zu schmuggeln.“

Was? Ich suchte in der Menge nach meinen Eltern. Sie mussten mir sofort erklären, was genau geschehen war. Wir sprachen über alles, wieso hatten sie das also nicht erwähnt?

„Die Gruppe erhält für diese Tat die Höchststrafe“, fuhr die Frau fort.

Ein Rumoren lief durch die Menge. Ein ungutes Gefühl machte sich in meinem Bauch breit. Wir hatten selten Fälle, in denen die Höchststrafe genutzt wurde. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie schwer der Vorfall sein musste, um sich dafür zu entscheiden.

„Zur Feier des Tages haben Präsident Tieran und ich uns dazu entschieden, unser Ziel für ein sicheres und vereintes Nayere heute zur Schau zu stellen.“

Als hätten sie nur darauf gewartet, betraten zwei Soldaten den Raum. Zwischen ihnen hielten sie einen Mann. Seine Haare waren zerzaust und in Teilen verfilzt. Die Klamotten, die er trug, schienen seit mehreren Tagen nicht mehr gewaschen worden zu sein. Sein Gesichtsausdruck war leer. Ob er sich überhaupt noch bewusst war, was mit ihm passierte? Was hatten sie ihm angetan?

„Ich bitte Sie alle, mehrere Schritte Abstand zu nehmen“, verlangte die Soldatin streng.

Die Anwesenden folgte umgehend ihrer Aufforderung. Sie konnte nicht tatsächlich vorhaben, ihn hier und jetzt zu bestrafen. Ich versuchte, nicht zu offensichtlich panisch zu wirken, als ich durch die Menge ging, um meine Eltern zu finden. Wieso setzten sie uns dieser Gefahr aus? Es waren so viele Menschen in diesem Saal, es würde uns allen schaden.

Als ich sie fand, stellte ich mich so entspannt wie möglich neben sie, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Mutter und Vater hielten ihre Blicke gespannt auf den Gefangenen vor ihnen. Sie hielten Gläser in der Hand und unterhielten sich, als wäre nicht gerade angekündigt worden, dass wir jemanden auf unserer Feier foltern würden.

„Wieso habt ihr mir davon nicht erzählt?“, fragte ich leise, ohne sie direkt anzuschauen.

„Es sollte eine Überraschung werden“, erklärte Vater ruhig. „Wir haben es nicht spontan entschieden. Gespräche dafür dauerten Wochen.“

„Wieso habt ihr euch dafür entschieden, es hier zu tun? Wir haben keinerlei Barrieren zwischen uns und dem Bestraften.“ Mein Herz schlug schneller. Der Gefangene wurde in der Mitte des Raumes auf die Knie gezwungen. Ein Weg hatte sich zwischen ihm und dem Eingang gebildet. Als eine weitere Soldatin hineintrat, stockte mir der Atem.

„Wir sehen es als Zeichen“, sagte Mutter, „für ein stärkeres Dhara. Und das beginnt hier und heute, in Prièl. Dafür werden wenige Opfer bringen müssen. Aber mach dir keine Sorgen, wir werden sicher sein.“ Sie legte beruhigend eine Hand auf meinen Arm, doch ihre Worte halfen nicht.

Ich spürte den Sog in meiner Brust, bevor ich den Kristall sah. Lila Holanait. Instinktiv machte ich einen Schritt zurück. Auch andere wechselten unsichere Blicke. Meine Hände begannen zu zittern, so sehr ich mich auch bemühte, neutral zu wirken. Mutters Argumente ergaben Sinn, auch wenn ich es nicht gutheißen konnte. Doch ich konnte mich nicht gegen meine eigenen Eltern stellen, besonders nicht an diesem Tag. Heute ging es um Vater, seine Wiederwahl, und alles, was er geschafft hatte. Das konnte ich nicht riskieren. Ich verkrampfte meine Hände hinter meinem Rücken, in der Hoffnung, dass es niemand sah.

Die Soldatin hob ihre Hände. Ein Schimmern umhüllte uns. „Dieses Schild wird dafür sorgen, dass der Holanait zuerst daran zerrt, bevor es uns angreift,“ verkündete sie. Sie nickte den Soldaten zu.

Vater trat näher an sie heran und wies uns schweigend an, ihm zu folgen. Natürlich. Das hier war für ihn, er wollte und musste ganz vorn zuschauen. Als liebende Familie mussten wir ihn unterstützen.

Der Gefangene blinzelte träge. Seine Augen weiteten sich, je näher die Soldatin an ihn herantrat. Er zerrte an seinen Handschellen, versuchte, sich von den anderen Soldaten loszureißen. Panisch schüttelte er den Kopf.

„Durch die geplanten Verbrechen an unserer Regierung hast du bewiesen, dass du dem Geschenk Aurnias nicht würdig bist“, sagte sie. Ihre Stimme wurde durch den gesamten Raum getragen. „Deine Magie ist eine Waffe gegen unsere Gesellschaft. Hiermit wird verhindert, dass du sie jemals wieder gegen andere richten kannst.“

Sie hielt ihre Hand direkt vor die Brust des Gefangenen. Verzweifelt versuchte er, sich zu befreien. Seine blasse Haut rötete sich vor Anstrengung. Sein Atem kam in schnellen Zügen. Stumpf nahm auch ich den Sog des Holanait wahr, was mein Herz zum Rasen brachte. Wie schlimm musste es sein, ihn direkt zu spüren?

Das verzweifelte Grunzen verwandelte sich in gequälte Schreie. Niemand sagte etwas. Niemand wagte es, einzuschreiten. So gerne würde ich meine Augen schließen und mir die Ohren zuhalten, wie ein Kind während eines Gewitters. Doch ich konnte nicht. Stattdessen beobachtete ich, wie der Gefangene sich verkrampfte. Die Venen in seinem Hals traten hervor. Seine Schreie klangen kaum mehr menschlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit fiel er in sich zusammen. Aus seinem Mund drang nur noch ein Wimmern, seine Augen waren glasig. Mit einem zufriedenen Lächeln drehte die Soldatin sich um.

„Dieser Mann wird unsere Sicherheit nie wieder gefährden. Es ist vollbracht. Für Präsident Tieran, für Prièl, für Dhara!“

Mein Vater begann zu klatschen. Erst stimmten Mutter und ich ein, dann der Rest aller Anwesenden. Trotz dessen konnte ich meinen Blick nicht von dem gebrochenen Mann reißen. Die Soldaten, die ihn festgehalten hatten, trugen ihn aus dem Raum. Er wehrte sich nicht. Es war richtig. Seine Strafe war richtig. Er hatte uns schaden wollen.

Doch weshalb fühlte ich eine solche Leere in mir?

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Das Präsidentenhaus war nicht weit von dem Parlament entfernt und das Wetter gut genug, um den Weg nachhause zu Fuß anzutreten. Kleine Weglichter tauchten vereinzelte Teile der Straße in ein warmes Licht. Durch die Wolken erstrahlte der Vollmond den Rest. Die Schutzzauber in den Materialien unserer Häuser begannen zu funkeln und verliehen den Straßen eine bezaubernde Ästhetik, die nicht einmal meine eigene Magie erzeugen konnte.

Der Eingang unseres Zuhauses war nicht sonderlich groß. Ein schmaler Weg lief in Richtung einer Treppe und Doppeltüren auf beiden Seiten führten zu unserem Esszimmer und dem Wohnzimmer. Alles war erbaut aus schimmerndem, weißem Marmor. Die Wände zierten Gemälde und Fotos einiger ehemaliger Präsidenten. Das größte Gemälde gehörte meinem Großvater, der vor zwanzig Jahren hier gelebt hatte. Auch, wenn sich seitdem vieles verändert hatte, erkannte ich ihn in jeder Ecke. Vater und Mutter war es wichtig gewesen, einige Erinnerungen an ihn zu erhalten.

Beide verließen mich nach einem Kuss. Ich blieb noch einen Moment stehen, atmete tief durch, und ließ den kalten Boden meine müden Füße kühlen. Meine Schultern waren verspannt und je ruhiger es in unserem Haus wurde, desto lauter wurde es in meinem Kopf. Ich brauchte eine Pause.

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Die Straßen von Prièl waren am nächsten Tag prall gefüllt. Die Cafés platzten aus allen Nähten. An der Straßenseite hatte jemand Instrumente aufgebaut, die ausgelassene Musik spielten. Vögel zwitscherten in den Bäumen, und Eichhörnchen sprangen von Ast zu Ast. Die Gebäude schimmerten bunt in der untergehenden Sonne.

Ich hatte über den gesamten Tag mein Zeitgefühl verloren. Sicherlich warteten meine Eltern auf mich, doch ich hatte keinerlei Bedürfnis, schneller zu werden. Es war das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit, dass ich ohne Wachen unser Zuhause verlassen durfte.

Seufzend streckte ich mein Gesicht zur Sonne. Die wohlige Wärme ließ mich lächeln. Mir war bewusst, weshalb es zu gefährlich für mich war, unbewacht zu bleiben. Das bedeutete jedoch nicht, dass es mir gefiel.

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Mein Magen knurrte, als ich nachhause zurückkehrte. Meine Eltern warteten geduldig in unserem Esszimmer, während Bedienstete das Essen auftischten. Im Vergleich zu allen anderen Räumen war unser Esszimmer nicht besonders groß. Er war nur für uns als Familie gedacht, weswegen nicht mehr als ein großer, dunkler Holztisch hineinpasste. Umrahmt war er von sechs Stühlen aus dem gleichen Holz. Die Wände waren bemalt mit sich bewegenden Naturszenerien, der Boden bestand aus dem gleichen Material wie unsere Außenwände. So zerkratzte er nie und konnte durch nichts beschädigt werden. Das einzige bisschen Farbe war ein roter Teppich.

Eine große Platte mit Hähnchen stand direkt in der Mitte, umgeben von allerlei Beilagen. Kartoffeln, Saucen, Buttergemüse, Brot. Es glich einem Festmahl. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in mir aus. Üblicherweise waren unsere Abendessen nicht derart aufwendig.

„Was ist der Grund dafür?“, fragte ich und setzte mich an das andere Ende des Tisches, weg von meinen Eltern.

Beide wechselten einen Blick.

„Nimm dir doch erst einmal etwas zu essen“, bat mich Vater.

Ohne meinen Blick von ihm abzuwenden, ließ ich mit einer Handbewegung ein Stück Hähnchen und einen vollen Löffel Kartoffeln mit Gemüse auf meinen Teller servieren. „Was ist passiert?“

Mutter ließ für einen Moment ihre Schultern sinken, dann strahlte sie mich an. Mein Herz brach. Das war die gleiche Mimik, die sie bei der Wiederwahlkampagne benutzt hatte. „Bei der Parlamentssitzung heute hat dein Vater ein neues Gesetz durchbringen können, was unser aller Leben in Zukunft weitaus einfacher machen könnte. Das wollten wir mit dir feiern.“

„Was für ein Gesetz?“ Zu dem unguten Gefühl bildete sich nun auch ein Knoten in meinem Magen. Das Essen roch verführerisch, doch ich konnte es nicht anrühren. Ich konnte meinen Blick nicht von ihnen lösen.

„Bei deinem Ausgang hast du sicherlich die Soldaten entdeckt. Wenn dieses Gesetz in Kraft tritt, werden wir sie nicht mehr länger brauchen“, erklärte Vater vage. Alle paar Meter waren in der Einkaufsstraße Männer und Frauen mit kurz geschorenen Haaren zu sehen gewesen. Sie waren in Zivil, um die Menschen nicht zu beunruhigen, doch ihr Auftreten hatte sie für mich verraten. Ihre Rücken waren kerzengerade, ihre Augen kontinuierlich auf die Menschen gerichtet. An den Kragen ihrer Jacken hatten sie alle einen goldenen Pin mit dem Logo Dharas – zwei erhobene Hände, die einen Stern hielten.

Das Parlament hatte vor einigen Wochen darum gebeten, etwa zwanzig von ihnen in den am besten besuchten Bereichen der Stadt zu positionieren. Vater hatte mich vorgewarnt, doch es nicht für die restliche Bevölkerung angekündigt. War es die beste Lösung? Vermutlich nicht, doch es diente ihrer Sicherheit. Sicherlich hätten sie es verstanden. Weshalb wurden sie bereits abgezogen?

„Ich flehe euch an“, brach es aus mir heraus, „erzählt mir endlich, worum es geht. Ist es so schlimm?“

Sie machten mir Angst. Bisher hatte ich alle Entscheidungen meines Vaters unterstützt, auch wenn ich sie nicht immer nachvollziehen konnte. Nie hatte ich mich mit ihm darüber streiten müssen. Wenn er sich so schwer damit tat, davon zu erzählen, konnte es nur eine Tragödie sein. Wieder sahen er und Mutter sich an, die mich weiterhin anlächelte. Sie streckte ihre Hand nach mir aus, welche ich zögerlich nahm. „Alles, was er vorgeschlagen hat, ist gut nicht nur für Prièl und Dhara, sondern für ganz Nayere. Es wird die Kommunikation mit Nori erleichtern. Über einen längeren Zeitraum wird es unsere Beziehungen nur verbessern.“

„Und was ist das?“, fragte ich erneut. Mein Herz raste. Ich konnte mir nichts vorstellen, das solche weitreichenden Konsequenzen für uns alle haben konnte.

Endlich gab Vater nach. Er seufzte. „Die Grenzkontrollen werden in wenigen Wochen verschärft. Soldaten werden in die Grenzstädte berufen, um Unterstützung zu leisten. Ohne Dokumente kommt bald niemand mehr hier herein oder heraus. Terroristen werden nicht mehr in unsere Städte reisen können. Das wird Noris und Dharas Vertrauen ineinander stärken.“


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