Kapitel Vier – Caia

Der Wind heulte vor meinen Fenstern und ließ die Bäume bedrohlich rascheln. Ich wälzte mich in meinem Bett hin und her Ich musste schlafen Es war mitten in der Nacht. Morgen hatte ich so viele Termine, die ich dank meines Vaters übernehmen musste. Trotzdem bekam ich kein Auge zu.

So sehr meine Eltern es verneinten, uns war allen bewusst, dass verschärfte Grenzen es faktisch unmöglich machten, für Menschen aus Nori nach Dhara zu kommen. Dafür waren die Anforderungen zu hoch. Sie würden selbst ihre eigenen Nachbarn nicht besuchen können. Selbst Familien, die noch auf verschiedenen Seiten der Grenze lebten, würden getrennt.

Ich konnte die Erklärungen meiner Eltern nachvollziehen, auch wenn es mir das Herz zerriss. Es ging um unsere eigene Sicherheit, und wenn mehr Soldaten dafür nötig waren, dann konnte ich es nicht ändern. Es gab keine Möglichkeit für mich, meine Eltern zu überzeugen. Sie hatten lange mit dem Parlament darüber beraten, und sicherlich hatten sie Zugang zu mehr Informationen über die eigentliche Bedrohungslage. Noch nie hatte ich solche Probleme damit, neue Gesetze unseres Parlaments zu akzeptieren. Doch in diesem Fall fiel es mir schwer, meine Sorgen zu beruhigen.

Frustriert schlug ich die Decke beiseite und stieg aus meinem Bett. Meine nackten Füße versanken im weichen Teppich. Ein Sternenhimmel war auf meine Wand projiziert. Ich ließ es mit einer Handbewegung verschwinden. Es fühlte sich nicht richtig an, zu ruhig für meinen Gemütszustand.

Mit geschlossenen Augen faltete ich meine Hände, konzentrierte mich, bis ich ein energisches Kribbeln in meiner Brust spürte. Ich leitete es durch meine Arme bis zu meinen Fingern und entzündete es. Als sich Wärme in meinen Handflächen ausbreitete, öffnete ich meine Hände wieder und warf den Lichtball an die Decke, wo er den Raum in strahlendes Licht tauchte. Es dauerte einen Moment, bis ich mich an die Helligkeit gewohnt hatte.

Meine Schuldgefühle schienen so unwichtig, so kleingeistig, wenn ich daran dachte, wie es den Menschen in Nori ergehen würde. Ich war die Tochter des mächtigsten Mannes in Dhara. Konnte ich vor anderen wirklich zugeben, wie unsicher ich mich dabei fühlte, dass wir strengere Gesetze durchsetzen? Wenn es überhaupt irgendeine Bedeutung haben würde. Ich hatte kein politisches Amt. Niemand erwartete von mir, dass ich große Veränderungen bewirkte. Doch einfach dabei zusehen, wie die Schlucht zwischen unseren Gebieten sich verhärtete, konnte ich ebenfalls nicht.

Unruhig wanderte ich auf und ab. Das Gesetz würde die Spannungen zwischen Nori und Dhara nur verschlimmern. Die Bewohnenden von Nori hätten größere Schwierigkeiten, Hilfe zu erhalten. Niemals würden sie das akzeptieren. Es würde Angriffsversuche nicht verringern, eher steigern.

Irgendetwas musste sich ändern. Irgendjemand musste den ersten Schritt gehen, und Nayere erneut verbinden. Meine Eltern würden niemals nach Nori reisen. Sie würden keinen Grund dafür sehen. Aber jemand sonst könnte diese Aufgabe übernehmen. Wenn ich die Wochen mit den offenen Grenzen ausnutzen könnte, dann könnte ich ihnen vielleicht zeigen, dass die Nori nicht der Feind waren, für den sie sie hielten.

Ich musste nach Nori reisen.

Noch waren die Grenzen offen. Noch konnte ich mir selbst einen Eindruck davon machen, was dieser Teil unseres Landes war, den das Parlament verurteilte.

Nur würden meine Eltern mich niemals ohne Wachen reisen lassen. Vater war Präsident, es wäre nicht sicher. Mit seinen Plänen würde er auch niemals den Sinn darin erkennen, mich über die Grenze treten zu lassen.

Vielleicht musste ich das auch nicht. Hera war nur einige Gehminuten von der Grenze entfernt. Wenn ich ihre Einladung annahm, könnte ich mich nachts davonstehlen. Mit dazu könnte ich die Wachen der Politiker und Politikerinnen als Argument dafür nutzen, meine eigenen nicht mitnehmen zu müssen. Sobald ich weg war, wäre es ihnen vermutlich zu peinlich, um meine Abwesenheit sofort zu melden. Es würde mir Zeit verschaffen.

Ich stoppte. Wohin sollte ich reisen? Gedanklich ging ich die Karte Noris durch, die im Parlament hing. Es gab einige kleinere Orte in der Nähe der Grenze, in denen ich auf meiner Reise übernachten konnte. Langfristig wäre jedoch nur Diora die beste Lösung. Historisch war sie Prièl sehr ähnlich.

Die wichtigsten Probleme waren geklärt. War das alles? Übersah ich etwas?

Ich war mir nicht sicher, ob ich nach einer Runde Schlaf noch daran glauben würde. Gerade wusste ich nur, dass ich keine andere Wahl hatte. Meine Eltern mochten ihre Argumente für die schärferen Gesetze haben, doch ich konnte nicht damit leben, sie einfach abzunicken. Im Parlament würde mir niemand zuhören. Ich war nur die Präsidententochter und noch so jung. Direkt vor Ort könnte es Hoffnung geben. Sie müssten nur zuhören und verstehen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie einen weiteren Krieg wollten.

Jetzt kam alles darauf an, morgen meine Eltern überzeugen zu können.

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