Kapitel Drei – Haelyn

Im Dunkeln des frühen Morgens ging ich die Pläne für den heutigen Tag durch. Ich genoss die Ruhe in meinen eigenen vier Wänden, ohne, dass mich jemand um Hilfe bat oder meine Meinung wollte. Langsam, bedacht, machte ich mich bereit. Seidige Strähnen flossen durch meine Finger. Die monotonen Flechtbewegungen leerten meine Gedanken. Viel stand nicht an, also konnte ich mir Zeit nehmen, bevor ich das Haus verließ.

Meine Ruhe wurde durch ein Klopfen an der Tür jäh zerstört. Noch bevor ich antworten konnte, riss meine kleine Schwester die Tür auf und warf sich auf mein Bett.

„Sei gefälligst vorsichtig mit meinen Sachen!“, ermahnte ich sie und versuchte, sie wieder herunterzuziehen. Keine Chance. Sie bewegte sich keinen Millimeter.

Iris legte ihren Kopf zur Seite und streckte mir die Zunge heraus. „Sei froh, dass ich meine Schuhe nicht anhabe. Ich wollte dir nur sagen, dass Mom und Dad heute Abend unbedingt wieder mit dir essen wollen. Sei also nicht zu spät zuhause.“

„Das können sie mir selbst sagen. Wieso bist du wirklich hier?“, fragte ich skeptisch.

Sie sah mich aus ihren großen, unschuldigen Augen an. Sie war nur drei Jahre jünger als ich, doch sie wusste genau, wie sie meine schwesterlichen Gefühle manipulieren konnte. Ich hob eine Augenbraue. „Worum geht es?“

Sie zog die Bandagen aus ihrer Tasche und streckte sie mir entgegen. Blutflecken färbten den Stoff rostbraun.

Ich runzelte die Stirn. „Was hast du mit ihnen gemacht?“

„Ein paar Idioten meinten, sich mit mir anzulegen“, gestand sie vorsichtig und verzog das Gesicht. Sie sprang auf, als sie bemerkte, wie sich meine Hand in eine Faust verwandelte. „Ich habe mich um sie gekümmert. Deswegen eben das Blut an den Bandagen. Sie werden sich nicht mehr trauen, mir in die Quere zu kommen.“

„War es einer von unseren?“, fragte ich zwischen zusammengepressten Zähnen. Wer wagte es, meine kleine Schwester, eine Cadell, angreifen zu wollen? Wenn ich sie erwischte, würden sie nicht mehr laufen können.

„Nein, es war jemand von außerhalb.“ Sie schaute zu mir hoch. Ein freches Lächeln lag auf ihren Lippen. „Mach dir keine Sorgen. Ehrlich. Ich hatte die Überhand. Ich glaube, deine Bandagen haben dabei geholfen.“

Ich verdrehte lachend die Augen und schob sie sanft in Richtung Tür. „Okay, ich glaube dir ja. Du lässt sie aber waschen.“

Sie schnappte sich die Bandagen wieder und grinste. „Dann behalte ich sie eben noch länger.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, floh sie aus meinem Zimmer. Kopfschüttelnd schaute ich ihr hinterher, doch die Sorge um sie blieb.

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Unser Frühstück auf dem Glastisch war beinahe zu Grell für meine müden Augen. Das frische Obst stach hervor wie ein Farbklecks auf einer weißen Wand. Mein Magen knurrte, als ich mich in den Stuhl sinken ließ.

Mom trug einen dunkelblauen Blazer mit passender Hose und einem schwarzen Pullover. Sie hatte sich ihre Haare in einen eleganten Dutt gedreht. Ihre Nägel waren frisch gekürzt, ihr Gesicht geschminkt. Sie wirkte perfekt, so wie alles in unserem Haus.

Ich setzte mich neben sie. Sie warf mir einen Blick zu, während sie in ein Stück Brot biss. Das frühmorgendliche Sonnenlicht betonte jede Charakteristik, die wir teilten. Die schmalen Augen, die gerade Nase, die ovale Gesichtsform. Es war merkwürdig, einen Einblick in meine potenzielle Zukunft zu haben, doch wenigstens hatte ich sie hier.

„Guten Morgen. Hat Iris dich schon vorgewarnt?“, fragte sie.

Ich runzelte die Stirn. „Dass wir abends zusammen essen sollen? Ja.“

Sie legte ihr Brot nieder und schüttelte den Kopf. „Nein. Du hast einen Auftrag.“

„Du weißt von meinen Plänen heute“, protestierte ich.

„Das hier ist wichtiger. Es kam erst vor wenigen Stunden rein.“

Ich unterdrückte den Zwang, zu seufzen. Den Streit um meine Pläne hatte ich mein Leben lang ertragen müssen. Mom und Dad arbeiteten beinahe jede Stunde, also durfte ich mich nicht darauf verlassen, dass alles so blieb, wie es war. Ich lehnte mich in ihre Richtung und faltete meine Hände. „Ich habe Dad und dich schon mehrfach darum gebeten, mir mehr als vierundzwanzig Stunden Zeit zu geben, wenn ihr aus irgendwelchen Gründen meine Aufgaben neu koordinieren müsst. Es dauert Zeit, alle Informationen, die ich brauche, zu besorgen. Außerdem muss ich mich vorbereiten können. Ich würde es mir wirklich wünschen, wenn ihr das mehr respektiert.“

„Wir respektieren deine Zeit, weswegen wir Iris gebeten haben, dir Bescheid zu geben. Ansonsten hättest du davon noch später mitbekommen“, gab sie ungehindert zurück.

Seufzend fuhr ich mir durch die Haare. „Eines Tages vermassele ich einen wichtigen Deal, weil Iris mir nicht früh genug Bescheid gegeben hat, dass es ein Meeting gab, um das ich mich kümmern sollte. Ob das wirklich gut für unser Geschäft wäre?“

„Glücklicherweise bist du gut genug, dass das niemals zu einem Problem wird.“ Mom biss lächelnd in ihr Brot.

Ich presste meine Hände gegen die Tischplatte und schloss meine Augen. Tiefe Atemzüge. Ich war kein kleines Kind mehr, trotzdem nahmen meine Eltern mich nicht ernst. Was musste ich tun, damit sie mich endlich als die erwachsene Frau sahen, die ich war?

„Bevor wir noch mehr Zeit verlieren, wüsste ich gerne Genaueres über diese neue Aufgabe“, versuchte ich so ruhig wie möglich zu formulieren.

Sie zog einen Zettel aus ihrer Hosentasche heraus und legte ihn auf den Tisch. Es waren hastig geschriebene Notizen, nur schwer leserlich, über einen Mann, der an der südlichen Grenze von Diora wohnte. Unter den Details stand eine große Summe an Geld. Ich schaute sie irritiert an.

„Er scheint keiner von uns zu sein. Wofür brauchen wir ihn?“

„Er behauptet, Zugang zu einem beachtlichen Waffenarsenal zu haben. Die Geldsumme ist die, die er von uns dafür verlangt.“

„Waffen? Seit wann dealen wir wieder mit Waffen?“ Wir hatten in den letzten Jahren einige Bereiche an Verbündete abgegeben, da sie für uns nicht mehr zwingend geldeintreibend waren. Waffen hatten dazugehört. Es ergab keinen Sinn, wieder damit anzufangen.

Mom seufzte. „Seit der Präsident in Prièl meint, die militärische Präsenz an den Grenzstädten zu verstärken und den Bewohnern dort eine Entschuldigung dafür liefert, wohl wissend, dass wir uns nicht wehren können. Wir wollen den Nori in diesen Orten zumindest eine Möglichkeit bieten, sich zu verteidigen.“

„Einen nächsten Krieg können wir wirklich nicht gebrauchen“, sagte ich eindringlich. „Auch wir würden dadurch Geld verlieren. Ganz zu schweigen von unseren Leuten dort. Wren ist an der Grenze!“

Sie griff nach meiner Hand und drückte sie sanft. „Es wird keinen Krieg geben und Wren wird nichts geschehen. Das bedeutet aber nicht, dass wir Respektlosigkeit über uns ergehen lassen, Haelyn. Darum geht es auch nicht. Der Mann, dessen Daten du auf dem Zettel siehst, weigert sich, uns die nötigen Informationen zu geben, die wir zur Verteidigung unseres Zuhauses benötigen. Ich möchte von dir, dass du einen Weg findest, ihn zu überzeugen.“

Meine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. „Einen Weg?“

„Wir brauchen ihn lebend und ansprechbar. Anders kommen wir nicht an die Informationen.“ Sie schenkte mir ein verstohlenes Lächeln. „Alles andere obliegt deiner Diskretion.“

#

Moms Plan musste warten, denn vor unserem Haus wartete eine Wache mit einer Tasche voller Medikamente.

„Tay, wie viele sind es heute?“, fragte ich mit einem Blick hinein.

„Sechs Häuser“, sagte sie. „Hauptsächlich Schmerzmittel. Es warten noch genug Medikamente auf uns in den Lagern, aber es ist schwierig.“

„Die Sanktionen werden immer schlimmer.“ Ich seufzte, spannte und entspannte meine geballten Hände. Meine Wut würde uns aktuell nicht weiterbringen. Das hatte Zeit für später.

Tay nickte, ihre Lippen zusammengepresst. „Es tauchen immer mehr Soldaten an den Grenzen auf. Ich weiß nicht, wie lange wir noch Medikamente oder sogar Tränke beschaffen können.“

Wir hatten nicht die Materialien oder Maschinen, um hier in Nori all die Medikamente herzustellen, die unsere Bewohner brauchten. Wir waren auf Labore in Dhara angewiesen. Was sollten wir tun, wenn wir keinen Zugriff mehr darauf hatten? Was sollte ich den Leuten in Diora sagen, wenn sie keine Medikamente mehr hatten?

Ich betrachtete mein Zuhause. Nach dem Ende des Bürgerkriegs hatte die Natur viele Teile der Stadt zurückerobert. Durch die fehlende Magie kamen meine Eltern nur schwer gegen die Ranken und Pflanzen an, die sich in die Fassaden gebohrt hatten. Zu einem gewissen Teil versorgte es uns, da sogar Fruchtpflanzen an Häusern und Laternen hochwuchsen. Wir hatten das Beste daraus gemacht, auf uns allein gestellt zu sein. Aber ich würde lügen, würde ich behaupten, dass wir nicht gewisse Dinge aus dem Teil der Dhara brauchten. Jetzt nahmen sie uns auch das letzte bisschen Hilfe weg?

„Irgendwann werde ich diesem falschen Präsidenten gegenüberstehen und dafür sorgen, dass er jede Entscheidung bereut, die er je getroffen hat“, sagte ich entschlossen zu Tay.

Sie erlaubte sich ein schiefes Grinsen. „Und ich werde dir dabei helfen.“

Wir kamen an der alten Kirche vorbei, in der sich seit dem Bürgerkrieg niemand mehr darin aufgehalten hatte. Die Decke war in großen Teilen bereits eingestürzt, und Gras hatte sich durch den Steinboden gekämpft. Nur noch vereinzelt waren bunte Fenster in ihren Rahmen. Eine Tür gab es schon lange nicht mehr.

„Manchmal frage ich mich, wie viel Respekt die Dhara wirklich vor ihrer Göttin haben können, wenn sie sich nicht einmal die Mühe gemacht haben, ihre Kirche zu erhalten“, murmelte ich. „Doch dafür hätten sie uns etwas Gutes tun müssen und wir wissen doch, dass sie das nicht können. Das wäre zu viel Aufwand und nicht genug Bestrafung.“

„Es hat wohl nicht gereicht, dass sie uns die Magie genommen haben“, erwiderte Tay kopfschüttelnd.

Und so, wie es schien, würde es das auch nie.

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Die Grenze zwischen den gewerblichen Gebieten und den Wohngebieten war sichtbar nicht nur durch den Grad des Verfalls, sondern auch durch die Menge an Farbe, die überall an den Fenstern und Wänden auftauchte. Kinder schmückten die Ranken mit gepflückten Blumen, andere hatten aus ihnen Vorhänge gewebt. Und wenn es kein Papier gab, malten sie eben an den Teilen des Hauses, an denen die Natur noch nicht alles eingenommen hatte.

Tay machte Halt vor einem der bunteren Häuser. Jemand hatte Bilder an die Fenster geklebt, eins wilder als das andere. Die Kleinen hatten so viel Fantasie. Sie würden es brauchen, wenn sie die Realität kennenlernten. Ich klopfte an die Scheibe. Ein kleines Mädchen schoss hervor mit großen, neugierigen Augen. Ihre Haare waren ein wenig zerzaust, als sei sie gerade erst aufgewacht. Ein Grinsen breitete sich auf ihren Lippen aus und sie verschwand. Wenige Sekunden später öffnete sie uns die Tür.

„Hallo Haelyn, hallo Tay“, grüßte sie uns.

„Hallo Madeleine. Wir haben hier etwas für dich.“ Tay griff in ihre Tasche und zog eine kleine Flasche mit einer lila Flüssigkeit heraus. „Haelyn hat mir erzählt, dass es deiner Mama nicht so gut geht?“

Das war nicht einmal gelogen. Madeleines älterer Bruder war in meiner Junggruppe und hatte mir vor einigen Wochen davon erzählt, dass seine Mutter häufig sehr schwer krank wurde. Einerseits war es nur richtig, einer Einwohnerin Dioras zu helfen, andererseits wollte ich nicht, dass einer meiner Schüler durch ständige Sorge abgelenkt wurde. Ich brauchte effektive Helfende, keine emotionalen Wracks.

Madeleines Lächeln verschwand. „Seit sie mir erlaubt haben, mit Freunden zu spielen, wird Mama immer krank. Papa sagt mir nicht, wieso. Mir läuft die Nase und sie muss zwei Wochen schlafen. Papa versucht alles, damit es ihr besser geht, aber es ist schwer. Hilft das da?“ Sie zeigte auf die Flasche.

„Es wird nicht sofort helfen, aber in ein paar Tagen wird es deiner Mama wieder besser gehen“, erklärte ich. „Gib es ihr einmal morgens und einmal abends. Am besten, wenn sie isst.“

Sie schnappte Tay förmlich die Flasche aus der Hand und umarmte sie fest. Dann kam sie auf mich zu und presste sich an mich. Ich blinzelte verwirrt, tätschelte aber trotzdem ihren Rücken.

„Ich danke euch. Das werde ich euch nie vergessen!“

Es dauerte den gesamten Vormittag, bis wir die Medizin an alle verteilt hatten. Immer mehr Kinder benötigten sie. Allein der Optimismus und die Freude der Kleinen hielt mich davon ab, in meiner Wut zu ertrinken. Wenn die Dhara die Grenzen wirklich schlossen, wie sollten wir den Menschen hier helfen? Wie regierte man ein Land, in dem niemand leben konnte?

Nach der getanen Arbeit traf ich Iris zu einem gemeinsamen Mittagessen. Während ich kaute, schaute sie mich mit geneigtem Kopf an.

„Was ist?“, fragte ich leicht irritiert.

Für einen Moment schwieg sie. Dann: „Weißt du, dafür dass du die älteste Tochter der gefährlichsten Familie von Nori bist, tust du eine Menge Gutes für die Leute hier.“

Ich rollte mit den Augen. „Lass dich das bloß nicht daran zweifeln, dass ich dir nicht auch in den Hintern treten könnte, wenn ich wollte. Meine kleine Schwester zu sein schützt dich nicht. Ich habe viel zu lange keine Kämpfe mehr begonnen.“

Sie lachte und hob abwehrend die Hände. „Ich weiß, ich weiß.“

„Außerdem“, fügte ich hinzu, „geht es darum, dass die Idioten in Dhara uns seit Ewigkeiten im Stich lassen. Irgendwer muss ja dafür sorgen, dass jeder hier leben kann. Wenn hier alle tot sind, kann niemand mehr für uns arbeiten und niemand wird uns Geld einbringen. Uns hilft sonst niemand. Und ist es nicht immer gut, Verbündete zu haben, die nicht direkt mit unserer Familie in Verbindung stehen?“

Wieder antwortete sie mir nicht sofort. Ihr Blick war in die Ferne gerichtet. Ich wusste, dass sie es nicht gerne hörte, wenn ich nicht so positiv eingestimmt war wie sie, aber was für eine andere Wahl hatte ich? In dieser Stadt, dieser Familie, aufzuwachsen, bedeutete, wenig Optimismus zu haben. Es war ein Wunder, dass sie selbst so viel davon behalten hatte. Mir war es nur wichtig, dass meine Liebsten überlebten. Der Rest war nur insofern wichtig, wie sie dieser Sache halfen.

Iris steckte ihre Hände in die Hosentaschen und nickte langsam. „Hey, wichtig ist bloß, dass die Kinder besser aufwachsen als wir. Welche Pläne hast du für den Rest des Tages?“

Ich griff in meine Jackentasche und reichte ihr Moms Zettel. „Jetzt zeige ich der Stadt, dass ich eben nicht nur Geschenke verteile.“

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