Die Sterne am Himmel wurden vertrieben durch die grellen Strahler unserer Nachtclubs. Es war der erste Abend seit mehreren Wochen, an dem meine Geschwister und ich keine Aufgaben hatten. Um diesen Umstand gebührend zu feiern, hatte Dael die perfekte Idee: Eine Party in einem unserer Clubs. Das Angebot kam mir genau recht, denn ich war mir nicht sicher, wann ich das letzte Mal in einem von ihnen wirklich Zeit verbracht hatte, ohne zu arbeiten.
Die laute Musik dröhnte von allen Seiten auf dem Weg dorthin. Im Neubau Dioras nach dem Bürgerkrieg hatte sich eine Straße zu der Zone entwickelt, in der jegliche Feierlichkeiten stattfanden. Bis zu dem letzten Haus waren sie alle gefüllt mit Locations für Partys, Bars, und Clubs. Sie brachten uns mehr Umsatz als ich in meiner Jugend hätte einschätzen können. Je älter ich wurde, desto bewusster wurde mir, dass diese Straße der einzige Ort in Diora war, an dem sich alle aus Nori hin trauten. Sie war eine Art neutrale Zone geworden, an dem Machtspielchen und Streitigkeiten nicht geduldet wurden, denn alles andere wäre schlecht für das Geschäft.
Mein Herz flatterte vor freudiger Aufregung beim Anblick der Neonlichter, die aus den offenen Türen zu erkennen waren. Dael hatte sich für diesen Abend einen unserer eleganteren Clubs ausgesucht, dessen Finanzen er betreute. Hier würden wir in Ruhe unseren Abend genießen können, ohne blöd angesprochen zu werden.
Menschen drängten sich aneinander, tanzten und tranken, ohne darauf zu achten, wer gerade vor ihnen stand. Die Musik übertönte alle Versuche, ein Gespräch zu führen. An der hinteren Ecke gab es eine Bar, die nur daran zu erkennen war, dass sich vor ihr unzählige Besuchende drängten. Noch weiter hinten, an der Musikstation vorbei, gab es einen privaten Sitzbereich, zu dem Dael uns direkt führte.
Es war eine Ewigkeit her, seit Iris, Dael und ich uns schick angezogen hatten. Heute jedoch hatten wir die Chance genutzt. Dael hatte die Haare lässig nach hinten gekämmt und trug ein schwarzes Hemd mit enger Hose. Iris‘ Haare waren zu einem hohen Zopf geflochten, und ihre Muskeln kamen in dem engen, glitzernden Kleid genau zur Geltung. Silberne Ohrringe glänzten im künstlichen Licht. Meine Haare fielen mir in aufwendigen Wellen über mein schwarzes, kurzes Top. Dazu hatte ich mich für einen kurzen Rock mit einer Tasche entschieden, in der ich meine Waffe versteckte. Mein einziger Schmuck war eine Kette, die eng an meinem Hals hing.
Ich fühlte mich gut. Wren hielt mir immer vor, dass ich öfter Gelegenheiten nutzen sollte, um mich zu entspannen, aber es fiel mir schwer. Auf den Straßen Dioras gab es zu viel, was schief gehen konnte, wenn sich niemand aus meiner Familie darum kümmerte. Das musste ich vergessen, zumindest für diesen einen Abend.
Noch bevor wir richtig gesessen hatten, kam der Leiter des Clubs zu uns. Kyle, ein mittelalter Mann mit zu stark gegeltem Haar und verzweifeltem Blick.
„Die Cadell-Kinder, schön euch zu sehen!“, begrüßte er uns mit einem breiten Lächeln.
Als Antwort hob ich bloß meine Augenbrauen. Iris legte den Kopf schief. „Kyle, hallo.“
Für einen kurzen Moment verrutschte sein Lächeln, dann hatte er sich wieder gefangen. „Kann ich euch etwas bringen? Getränke, Snacks, Jemanden zur Bespaßung? Alles aufs Haus natürlich“
Meine Geschwister und ich wechselten Blicke.
„Einfach nur drei Drinks. Den Standard, bitte. Mehr brauchen wir heute nicht“, sagte ich.
Er nickte kurz und verschwand.
„Wieso lassen wir ihn diesen Club noch einmal leiten, als gehörte er ihm?“, fragte Iris.
„Weil er leider als einziger nie meckert, wenn wir die Abgaben erhöhen“, erklärte Dael und lehnte sich zurück.
Ich schüttelte den Kopf. Nur, weil er sich in einer Sache benahm, mussten wir ihn in der anderen nicht belohnen. Es brachte uns Geld ein, aber auch Respekt? Ich wollte nicht, dass jemand in unserem Namen etwas tat, das genau dem schaden könnte. Macht war fragil in einem Ort wie diesen. Kyles übermäßiger Versuch, uns zu gefallen, bedeutete über kurz oder lang Probleme.
Um mich abzulenken, betrachtete ich die Tanzfläche. Vieles von dem Geld, was wir in diesem Club einnahmen, ging auch darin wieder zurück. Mindestens einmal im Jahr setzte Dad Leute ein, um die Elektrik und die Fassaden zu stabilisieren, damit wir ja jeden Tag öffnen konnten. Mit jeder neuer Entdeckung, die in anderen Teilen Noris zu Technologie gemacht wurde, sorgten wir dafür, dass Diora wieder die großartige Stadt wurde, die sie vor dem Bürgerkrieg gewesen war. Wir verbesserten sie. Und die Leute liebten es.
Unsere Anwesenheit blieb nicht unbemerkt. Kleine Gruppen bildeten sich, die uns von der Tanzfläche aus beobachteten. Ich starrte ungerührt zurück. Sie wirkten nicht feindselig, also musste ich mir keine Gedanken machen, dass uns jemand angreifen wollte. Mit allen drei Cadell-Nachfahren würde sich das niemand trauen. Trotzdem konnte ich erkennen, wie der ein oder andere tuschelte. Ich wandte mich zurück zu meinen Geschwistern. Heute ging es darum, mich zu entspannen, nicht, Kleinkriege mit anderen anzufangen.
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Als die Drinks ankamen, stießen wir gemeinsam an.
„Auf einen entspannten Abend nur zu dritt“, sagte Dael, was Iris und ich wiederholten.
Die Eiswürfel im Glas erfrischten meinen Körper, der dank der Menschenmenge langsam aufheizte. Ich lächelte entspannt. Wärme breitete sich in mir aus und mein Kopf fühlte sich schon jetzt ein wenig leichter.
„Wie lief dein letztes Kampftraining?“, fragte ich Iris.
Sie verzog das Gesicht. „Müssen wir an unserem einen freien Abend über Arbeit sprechen?“
Ich lachte. „Gibt es etwas anderes, was wir heute erlebt haben? Außerdem bist du meine kleine Schwester und nach den blutigen Bandagen will ich wissen, dass diese Idioten in den unteren Reihen sich bei dir benehmen.“
Sie seufzte. Dael lehnte sich vor. „Was für blutige Bandagen?“
Ich wollte ihm gerade davon erzählen, als Iris mich abschnitt. „Sie waren allesamt nett. Die älteren Mitglieder haben immer noch Schwierigkeiten, mich ernst zu nehmen. Ein Einzelsparring hat ihnen aber wieder damit geholfen.“ Sie drehte sich zu Dael. „Mir geht es gut, es ist nichts passiert.“
„Nichts mit größeren Konsequenzen“, korrigierte ich sie.
Sie rieb an ihren Knöcheln, die mittlerweile nicht mehr ganz so geschunden aussahen. „Ich kann auf mich aufpassen.“
Dael legte eine Hand auf ihre. „Ich habe nichts dagegen, einigen in Diora mal wieder zu zeigen, wem diese Stadt eigentlich gehört.“
Sie rollte mit den Augen, nickte aber. Der Knoten in meinem Magen, der seit ihrer Erzählung bestanden hatte, löste sich ein wenig.
„Tut aber bitte nicht so, als seid ihr die größten Kampfmaschinen in der Stadt“, sagte sie grinsend, „Erinnert ihr euch noch daran, als wir zu dritt trainieren mussten?“
Ich stöhnte auf bei der Erinnerung. Dael schaute unschuldig drein. „Nein, das wird nie vorgekommen sein.“
„Natürlich. Ich habe euch beide innerhalb von wenigen Stunden auf die Matte gekriegt.“ Sie begann zu lachen.
„Ich hatte an dem Tag wenig geschlafen“, wehrte ich mich, konnte mir aber auch ein Lachen nicht verkneifen.
„Danach habt ihr euch gemeinsam auf mich gestürzt, nur, weil ich größer als ihr war.“ Dael hob seine Augenbrauen.
„Schwestern müssen zusammenhalten.“ Iris schenkte mir ein verschwörerisches Lächeln.
„Das ist Diskriminierung!“
Nun brachen wir alle drei in Gelächter aus. Die Leichtigkeit, die der Alkohol gebracht hatte, vervielfachte sich. Wie lange war es her gewesen, dass wir uns diese Zeit miteinander genommen hatten? Ich hatte gar nicht bemerkt, wie sehr es mir gefehlt hatte.
„Danach haben sie uns aufgeteilt.“ Bei Iris‘ Worten zog sich mein Herz wieder zusammen. „Wir haben gar nicht mehr miteinander trainiert. Ständig gibt es irgendwas zu tun. Dabei hatten wir uns immer geschworen, zusammenzubleiben.“
Ich nagte an meiner Unterlippe. Sie hatte recht. Es war nur einige Jahre her, aber diese Distanz zwischen uns war seitdem stetig gewachsen.
„Wann hatten wir das letzte Mal zur selben Zeit einen Tag frei?“, fragte ich.
„Zu unseren Geburtstagen“, antwortete Dael. Seine Worte hingen schwer in der Luft. „Selbst dann nur für ein paar Stunden.“
„Bei meinem letzten Geburtstag war ich danach in einem Meeting mit Mom und Dad. Das war ihr Geschenk für mich.“
Er verzog das Gesicht. „Wir sollten viel mehr dafür kämpfen, dass wir Zeit für uns haben. Wir sind die Cadell-Familie. Wir können doch nur funktionieren, wenn wir zusammenhalten.“
„Du weißt, dass Mom und Dad das nie zulassen werden“, gab Iris zu bedenken. „Wir sind die am wenigsten bezahlten und am besten funktionierenden Arbeitenden. Also sollten wir uns die Zeit einfach nehmen.“
Je länger sie diskutierten, desto mehr verflog der Effekt des Alkohols. Genau das wollte ich nicht. Wir hatten frei. Wir sollten uns über solche Dinge keine Gedanken machen. Nicht jetzt. Ich stand auf und streckte meine Hände aus. „Das Thema ist für heute nicht angemessen. Keine Arbeitsgespräche mehr, okay? Lasst uns tanzen.“
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Die Blicke der Besuchenden folgten uns bis auf die Tanzfläche. Besonders eine kleine Gruppe aus Männern schien uns mit den Augen zu folgen, aber ich hatte entschieden, es zu ignorieren. Es war unsere freie Zeit, ich hatte bereits getrunken, und ich war mit meinen Geschwistern unterwegs. In diesem Moment sollte es mich nicht interessieren.
Mein Herz schlug im Takt des Basses, die Gesänge blendeten alle weiteren Geräusche um mich aus. Mein Körper war leicht, von der Musik getrieben. Ich hielt meine Augen geschlossen. Alles war einfacher, wenn man an nichts dachte, nichts sah. Wieso nahm ich mir nicht öfter dafür Zeit?
Ich spürte Daels Finger an meiner Schulter, der mir zu verstehen gab, dass er uns Getränke besorgen würde. Ich sah ihm hinterher. Für ihn teilte sich sogar die Menge. Währenddessen nahm ich Iris‘ Hand, damit wir gemeinsam tanzen konnten. Sie warf ihren Kopf in den Nacken und lachte. Ich lächelte und ließ mich weiter treiben.
Als Dael mit den Getränken zurückkam, nahm ich dankbar einen Schluck. Es war heiß auf der Tanzfläche. Die Bewegung hatte all die Kälte der Nacht längst vertrieben. Er lotste uns durch die tanzende Menge, bis wir wieder in unserem Privatbereich ankamen.
Sobald wir saßen, meldeten sich meine erschöpften Muskeln. Auf der Tanzfläche hatte ich das Zeitgefühl verloren, aber meine Füße schmerzten. Ich brauchte definitiv eine Pause.
„Wir sollten nicht mehr lange bleiben“, gab mein kleiner Bruder zu bedenken und nippte an seinem Drink. „Es wird spät. Mom und Dad erwarten uns sicher bald zurück.“
Mein Blick wanderte zu Iris, die nicht ganz so überzeugt wirkte. „Wäre es okay für euch, wenn ich noch ein wenig bleibe?“
„Nein“, antworteten Dael und ich gleichzeitig.
Sie rollte mit den Augen. „Ich kann auf mich allein aufpassen, falls ihr euch erinnert.“
„Wir haben alle etwas getrunken und ihr tragt eure Waffen nicht bei euch. Du kommst mit uns nachhause. Ich fühle mich nicht wohl dabei, dass du allein und ungeschützt auf der Straße sein würdest.“ Ich verschränkte die Arme.
„Ich bringe anderen bei, ohne Waffen Kämpfe zu gewinnen. Ich schaffe das schon.“ Sie richtete sich auf und rieb wieder über ihre Knöchel.
„Nicht, wenn du getrunken hast, und nicht, wenn du nicht einmal ein Messer bei dir trägst“, entschied ich und drehte mich zu Dael. „Wir sollten am besten jetzt schon gehen.“
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Iris folgte uns mit schlecht gelauntem Gesichtsausdruck in Richtung Ausgang. Wieder spürte ich die Blicke anderer in meinem Nacken, doch dieses Mal war etwas anders. Wir wurden nicht nur beobachtet, weil die gesamte Stadt uns kannte. Die Gruppe an Männern von der Tanzfläche behielten uns noch immer im Auge. Ohne nachzudenken, wanderte meine Hände in meine Rocktasche. Das kalte Metall der Waffe entspannte meine Schultern.
Sobald wir aus dem Club getreten waren, stellten sich meine Nackenhaare auf. Ich wurde langsamer, versuchte, mein Gehör zu schärfen. Schritte ertönten hinter uns. Sie folgten uns tatsächlich.
„Hallo, Cadell-Geschwister!“, erschien eine tiefe Stimme.
Irritiert drehte ich mich um. Auch Dael schien weniger erfreut. Für einen Augenblick zuckten Iris‘ Mundwinkel nach oben, bevor ihre Miene fiel. Die Männer, vermutlich kaum zehn Jahre älter als wir, blieben schmunzelnd stehen. Sie alle waren groß, hatten eine muskulöse Statur, und trugen entspannte Kleidung für einen Club. Ich runzelte die Stirn. Keiner von ihnen kam mir bekannt vor, also gehörte niemand von ihnen zu unserer Gang. Waren sie überhaupt aus der Stadt, wenn sie auf diese Weise mit uns sprachen?
„Was wollt ihr?“, fragte Dael. Er stellte sich gerade hin und verschränkte die Arme.
„Du bist Iris, richtig?“, überging der am ältesten Aussehende von ihnen die Frage meines Bruders, und schaute zu meiner kleinen Schwester. „Wir haben viel von dir gehört. Hast du Lust, mit uns etwas zu unternehmen? Du wirktest schon im Club, als könnte man Spaß mit dir haben.“
Bei dem Funkeln in seinen Augen spannte sich alles in mir an. Meine Finger kribbelten an meiner Waffe. Iris grinste und öffnete ihren Mund, um zu antworten, aber ich unterbrach sie.
„Heute ist leider Familienabend. Sie hat keine Zeit“, sagte ich bestimmt.
„Es gibt ein paar Dinge, über die wir wirklich gerne reden würden“, sprach der Kerl einfach weiter, sein Blick weiterhin auf meine kleine Schwester fixiert.
Ich trat einen weiteren Schritt auf ihn zu, bis ich nur wenige Zentimeter vor ihm stand. Mir war egal, dass er noch drei weitere Freunde dabei hatte, und ich keine kampftaugliche Kleidung trug. Er hatte kein Recht, mich in meiner eigenen Stadt einfach so zu übergehen. Ich war die älteste Tochter der regierenden Familie. Mein Wort galt. Besonders in Bezug auf meine Schwester.
„Du scheinst Probleme damit zu haben, Wörter zu verstehen.“ Ich tippte sein Kinn mit meinem Finger, bis er endlich seinen Blick auf mich richtete. „Also formuliere ich das hier noch einmal klar und deutlich: Meine Schwester fokussiert sich heute auf ihre Geschwister. Das sind ihr Bruder, der nette Mann hinter mir, und ich. Ich bin die große Schwester. Ich sorge dafür, dass niemand an sie herankommt, der ihr nichts Gutes möchte. Also verschwindet ihr bitte.“
Er hob bloß eine Augenbraue und grinste lässig. „Das ist ja lieb von dir, aber ich glaube, Iris kann sehr gut auf sich selbst aufpassen. Wir wollen nur ein wenig Zeit mit ihr verbringen.“
Seine Freunde kicherten, ihre Arme verschränkt. Ich schloss meine Augen, versuchte, die aufkommende Wut zu unterdrücken. Das hier war neutrale Zone, ich würde keinen Kampf anfangen. Solange sie mich nicht weiter provozierten.
„Haelyn, bitte“, hörte ich die Stimme meiner Schwester, aber ich hob nur die Hand. Egal, was sie heute versuchte, ich würde sie mit diesen Fremden nicht einfach gehen lassen. Mom und Dad würden mir das nie vergeben.
Ich öffnete die Tasche an meinem Rock und holte meine Waffe heraus. Ich richtete sie nicht direkt auf den Mann vor mir, sondern ließ sie nur in meiner Hand ruhen. Sofort verging ihnen das Lachen. Ich setzte mein freudigstes Lächeln auf. „Ich glaube, dass ihr nicht wisst, wer ich bin. Das vergebe ich euch, das ist natürlich auch nicht wichtig. Das hier ist eine neutrale Zone, aber die hat meine Familie auferlegt. Hier wird es keine Schlägereien oder irgendwelche Blutbade geben, damit jeder seinen Spaß hat. Ihr versaut mir das gerade. Wenn ihr also nicht wollt, dass ich die neutrale Zone für die nächsten fünf Minuten aufhebe, geht ihr. Jetzt. Sofort.“
Ohne eine weitere Sekunde zu zögern, lief die Gruppe wieder hinein in den Club. Für einen Moment atmete ich tief durch, dann packte ich meine Waffe wieder weg. Ich drehte mich zu meinen Geschwistern. Auf einmal war ich sehr müde.
„Lasst uns gehen.“
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Niemand von uns sprach auf dem Rückweg ein Wort. Iris starrte stur geradeaus, während Dael ihr immer wieder skeptische Blicke zuwarf. Ich fokussierte mich darauf, dass wir bald zuhause waren. Ich wollte schlafen. Nicht daran denken, was diese erwachsenen Männer mit meiner kleinen Schwester wollten. Und warum sie für einen Moment so wirkte, als wollte sie mit ihnen gehen.
„Was sollte das?“, brach sie das Schweigen. „Wir waren aus dem Club raus, wieso musstest du sie bedrohen?“
„Wieso warst du ganz begeistert von der Idee, uns wegen ihnen allein zu lassen?“, schoss ich zurück.
Nun mischte sich auch Dael ein. „Iris, wusstest du, wer die sind?“
Sie biss sich auf die Unterlippe, schüttelte dann aber den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Ich vermute, wir haben ähnliche Freunde. Außerdem haben wir sie ja schon im Club gesehen. Deswegen dachte ich eben, dass sie nett sein könnten. Ihr hättet mich gehen lassen können.“
„Bist du wahnsinnig?“ Ich blieb stehen und schaute sie fassungslos an. „Du hast gerade selbst gesagt, du kennst sie nicht! Was, wenn sie irgendetwas mit dir vorgehabt haben? Unter unserem Schutz? Mom und Dad hätten uns das nie verziehen. Noch dazu, wie sähe das aus? Die jüngste Cadell-Tochter wird von wildfremden Typen angegriffen und die ältesten schauen nur dabei zu. Das würde das sorgfältige Image unserer gesamten Familie zerstören. Willst du das?“
Sie schnaubte. „Ist dir die Machtposition unserer Familie etwa wichtiger als das Wohl deiner Schwester?“
„Du weißt, dass sie das nicht so meint“, versuchte Dael zu schlichten.
Ich legte eine Hand auf ihren Arm, aber sie zog ihn weg. „Ich bin kein kleines Kind mehr, und dazu meine eigene Person. Das Geld unserer Familie ist nicht alles, wisst ihr?“ Kopfschüttelnd lief sie an uns vorbei. Dael und ich wechselten verwirrte Blicke.
„Was ist gerade passiert?“
„Ich habe keine Ahnung.“