Mein Tag in Hera war streng durchgeplant. Kurz nach Sonnenaufgang hatte eine Wache mich geweckt, um mich zum Frühstück mit der Abgeordneten abzuholen. Schnell hatte ich mir etwas Schlichtes angezogen und meine Haare mit einem Schnipsen in Form gebracht. Unterwegs versuchte ich, meine Müdigkeit zu überspielen. Ich hätte gut schlafen müssen, mich ausruhen müssen, damit ich heute meine Gelegenheit nutzen konnte. Stattdessen hatte ich mich hin und her gewälzt, voller Aufregung auf das, was ich mir vorgenommen hatte.
Auf dem Weg ins Parlament versuchte ich, mir eigenständig Eindrücke von Hera zu machen. Die Sonne schien wolkenlos auf uns hinab, und trotz der frühen Morgenstunden waren die Straßen gefüllt von Einwohnenden. Musiker spielten in der Nähe eines Kaufhauses und ein Erzähler begeisterte kleine Kinder mit magischen Hologrammgeschichten. Ihre Eltern versuchten, sie zum Weitergehen zu bringen, doch die Kinder ließen sich nicht ablenken. Manche brachten sogar ihre eigenen Ideen mit ein, woraufhin die kleinen Kinder begeistert klatschten. Eine Frau mit wallenden Haaren hatte ihre Spitzen entflammen lassen, ohne, dass sie wirklich brannten. Der Geruch von Lilien stieg mir in die Nase und als ich nach dem Ursprung suchte, entdeckte ich eine Person in einem Cape aus frisch blühenden Blumen.
Prièl mochte die Hauptstadt Dharas sein, doch in Hera lebten die Menschen ihre Magie anders als Zuhause. Ich konnte mir kaum vorstellen, was es bedeuten musste, hier zu leben.
Sehnsucht ergriff mich und für einen kurzen Moment wünschte ich mir, ich hätte diese Pläne nicht. Ich wollte mehr erleben von Hera, mehr sehen, mehr lernen. Alles wirkte so anders als in Prièl.
Das Parlament war eines der mit einem Schutzschild versehenen Gebäude. Es war vier Stockwerke hoch und in einem Kreis geformt, der im Zentrum der Stadt stand. Das Äußere war aus dunklem Stein und mit gemeißelten Verzierungen versehen, die in Zeitlupe die Anfangsgeschichte von Nayere wiedergaben. Die Doppeltür war bereits geöffnet, und vor ihr wartete Rina in einem schlichten, lila Kleid. Sie lächelte.
„Guten Morgen“, sagte ich, „Nutzen alle Menschen in Hera ihre Magie so offen und kreativ?“
Sie strich über ihre roten Haare und produzierte eine Reihe Blumen als Kopfschmuck.
„In Prièl mögen sich die Gründer unseren Landes niedergelassen haben“, erklärte sie, „doch hierher kamen diejenigen, die sich ausleben wollten, ohne an die Regeln unserer Religion gebunden zu sein. Nach dem Krieg wurde es ein Zeichen für unser Überleben. Wir mögen Verluste ertragen haben, doch wir sind hier. Niemals lassen wir uns von anderen die Möglichkeit nehmen, unsere Kräfte zu genießen.“
Ich nickte nachdenklich und schaute mich erneut um. Selbst die jüngsten Einwohner spielten mit Energiebällen, sich transformierenden Klamotten, und erschufen ganze Objekte mit ihren Gedanken. Auch wenn wir für komplexere Magie immer noch Sprüche zu Hilfe nehmen mussten, so war diese Form schon seit unserer Geburt ein Teil von uns. In Prièl gab es Regelungen zum Umgang mit dem Geschenk unserer Göttin. Hier? Hier schien alles zu gelten.
„Du darfst mich gerne als deine Begleiterin für die nächsten Wochen sehen, Miss“, holte mich die Stimme der Abgeordneten zurück in die Gegenwart.
„Das ist wirklich sehr nett, danke. Bitte nenn mich auch einfach Caia.“
Wir teilten ein Lächeln, dann winkte sie mich nach innen. Weißer Marmorboden ließ jeden unserer Schritte hallen, an den Wänden wechselten stetig Bilder der vorherigen Parlamentsabgeordneten. Durch die leuchtenden Raumnummern in jedem Flur konnte man immer genau wissen, wo man war. Breite Treppen führten in die jeweiligen Stockwerke, mit einem Aufzug an der Seite. Überall schienen Türen, sogar Flure oder Ruheräume aus dem Nichts aufzutauchen. Politiker und deren Mitarbeitende liefen von einer Seite des Parlaments zur Nächsten. Eine stetige Geräuschkulisse von Gesprächen und Absätzen.
Rina führte mich in den zweiten Stock, in einen großen Raum mit einem Tisch in der Mitte, der beinahe den ganzen Raum ausfüllte, und den dazugehörigen Stühlen. Sie klatschte. Essen erschien auf dem Tisch. Brötchen, Belag, eine bunte Auswahl an Obst und Früchten, gemeinsam mit kochendem Tee oder frischen Säften. Eine Welle der Gerüche traf mich und ließ meinen Magen knurren.
„All das, nur für uns zwei?“, fragte ich.
Rina lachte. „Du bist die Tochter unseres Präsidenten. Nur er und deine Mutter wären wichtigere Personen, für die wir so viel Aufwand betreiben würden. Nun setzt dich und lass uns frühstücken. Du darfst alles nehmen, worauf du Lust hast.“
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Während des Essens betrieben Rina und ich hauptsächlich belanglose Gespräche. Wie ich geschlafen hatte, ob mir die Stadt gefiel, was mich am meisten beeindruckte. Doch zwischen uns hing der Grund, weshalb ich gekommen war. Der Konflikt mit Nori und die Auswirkungen auf Hera. Wollte sie es selbst nicht ansprechen, oder wartete sie darauf, dass ich es zuerst tat? Ich überlegte, wie ich am besten anfangen sollte, während ich die Teeblätter im heißen Wasser ziehen ließ.
„Es kann nicht einfach sein, ein so offenes Leben zu führen, wenn man nur wenige Meter von Konflikten entfernt ist“, sagte ich und biss in meine Brotscheibe.
Rina atmete tief ein und schaute mich an. In ihrer Stimme schwang etwas mit, das meine Nackenhaare zu Berge stehen ließ. „Wir wollen uns nicht unterkriegen lassen. Andererseits wäre es gelogen, wenn ich sagen würde, dass es einfach ist. Niemand lässt mit gutem Gefühl seine Kinder auch nur in die Nähe des Stadtrandes. Wir wollen das Beste für alle, doch wie sollen wir das erreichen, wenn noch so viel Unstimmigkeit herrscht?“
„Gibt es in Hera eigenständige Gesetzgebungen, wie mit der Grenze umgegangen wird?“ Aus Büchern und Berichten war mir einiges bekannt, doch ich wollte es aus Sicht einer hier lebenden Politikerin wissen. Nützte es ihnen wirklich etwas? Kamen sie vielleicht sogar besser ohne unseren Einfluss aus?
„Nur wenige, die sich speziell darauf beziehen, inwieweit wir Reisen nach Nori erlauben. Natürlich gibt es auch regelmäßig Gespräche über Import und Export. Die Menschen brauchen Güter, die wir ihnen anbieten können. Auch dafür braucht es strenge Regularien.“
Nachdenklich legte ich mein Essen ab, versuchte, nicht mit meinen Fingern zu spielen. „Wenn ich so ehrlich fragen darf, seht ihr die Gesetze aus Prièl als hilfreich an? Soweit ich mich an die Erzählungen meines Vaters erinnere, wurde noch nie jemand aus Hera direkt eingeladen und um Beratung gebeten. Es wurde jedes Mal aufs Neue nach dem gewählt, was in Berichten geschrieben wird.“
Ich legte meinen Kopf zur Seite. Rina tat es mir gleich. Sie schwieg einen Moment, beobachtete mich, als wollte sie sicher gehen, dass ich aus ehrlicher Sorge fragte, und nicht aus Provokation. Mir war bewusst, wie meine Frage wirken könnte. Sollte sie die Entscheidungen aus der Hauptstadt in Frage stellen, könnte ich ihre Formulierungen als respektlos betrachten und Konsequenzen fordern. Nur würde ich das niemals tun. Ich konnte jedoch auch keine Veränderungen in unserem Land bewirken, wenn ich nicht genau wusste, ob unsere aktuellen Gesetze überhaupt wirkten.
Rina schien meine Intention zu verstehen, denn nach wenigen Minuten begann sie, zu sprechen. „Das Parlament in Hera weiß die Versuche des Präsidenten zu schätzen. Ich weiß sie zu schätzen. Die Frage ist, ob ihm wirklich klar ist, wie weit es hier mittlerweile gehen muss, um uns wirklich zu beschützen. Es fällt mir jedoch schwer, unsere Einwohner zu beruhigen, wenn an jeder Ecke Soldaten stehen, auch wenn sie in Zivil sind. Die Uniform lässt sich nur schwer unter einem Hemd verstecken.“
Ich nickte zustimmend und verkniff mir ein Grinsen. „Das habe ich auch in Prièl gesehen. Wenn man länger hinschaut, erkennt man die Soldaten sehr schnell. Ich möchte möglichst bald mit meinem Vater darüber sprechen, ob wir nicht speziell zivile Kleidung für das Militär herstellen können, die gleichsam magisch geschützt ist wie unsere Uniformen. Die Konflikte reichen schon, um uns zu verängstigen. Wir brauchen nicht die konstante Verstärkung dessen durch sichtbares Militär.“
Ich trank einen Schluck von meinem Tee. Mein Hunger war verschwunden, meine Gedanken kreisten. Auch Rina schien fertig. Sie tupfte ihre Mundwinkel mit einer Serviette ab und wandte sich an mich. „Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dir sehr gerne unsere Wohngegenden zeigen.“
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Die am stärksten belebte Wohngegend war nur wenige Gehminuten von der Innenstadt entfernt. Im Verlauf des Tages waren die Straßen noch voller geworden, und einzig die Wachen verhinderten, dass Rina und ich uns in der Menge verloren.
Die Häuser waren eine Mischung aus Mehrfamilien- und Einzelhäusern. Sie reihten sich eng aneinander, nur für kleine Gassen gab es vereinzelt Lücken. Kinder spielten auf der Straße mit Bällen, Familien deckten vor den Häusern Tische für gemeinsames Essen. Auf den ersten Blick konnte ich nicht den Eindruck gewinnen, dass die Menschen hier wirkliche Sorgen um einen Krieg hatten. Auch wenn mir bewusst war, dass ein Schein trügen konnte.
Als die ersten bemerkten, dass Rina und ich da waren, fühlte ich mich zurück an die Zeit erinnert, als Vater und ich öffentliche Spaziergänge machten. Damals wollten wir betonen, was für eine normale Familie wir doch waren. Unsere Bewohner hatten die Wachen jedoch schwer ignorieren können.
Manche Menschen nickten der Abgeordneten und mir höflich zu, andere wandten sich mit verzogener Miene ab. Bei dem ein oder anderen Ausdruck war ich der Wachen doch zuträglich. Man konnte nie wissen, was sie sich wirklich dachten.
Rina begab sich zu einem der frisch gedeckten Tische. Eine junge Frau, vermutlich kaum zehn Jahre älter als ich, mit einem Baby in einer Trageschlinge, grüßte sie herzlich. Ich hielt Abstand; auch als Gast wollte ich nicht in einen privaten Moment eindringen. Irgendwann winkten sie mich zu sich.
„Einen guten Morgen. Ich habe gehört, Sie sind Caia Tieran?“ Die Stimme der Frau war offenherzig, neugierig.
Ich nickte. „Ja. Ich wollte mir selbst ein Bild von der Lage in Hera machen und sehen, wie die wachsende Spannung an der Grenze sie beeinflusst.“
Sie reichte mir ihre Hand. Ihre Haut war hellbraun, ihre lockigen Haare in einen losen Zopf gebunden, und ihre Ausstrahlung warm. Ihr Gesicht wurde von einem Schatten überzogen, als ich die Grenze erwähnte. „Wir tun unser Bestes, es unsere Kinder nicht spüren zu lassen. Das Leben geht weiter, sie verdienen unsere Angst nicht. Aber es ist schwierig. Die Menschen aus Nori sind nicht glücklich über die Sanktionen. Sie wollen mitentscheiden, obwohl sie nicht mal hier wohnen. Und ohne magische Kräfte! Wir haben ihnen häufiger gegenübergestanden. Sie haben geschrien, teilweise Gewalt angedroht. Dabei haben wir ihnen nichts getan. Sie haben sogar mit Steinen geworfen, wenn unsere Kinder in der Nähe waren.“
Besorgt drückte sie ihr Baby näher an sich und mein Herz wurde schwer. Ein Mann, ihr Partner, wie es schien, gesellte sich zu uns und legte einen Arm um ihre Taille. Sofort lehnte sie sich an ihn.
„Es wird nicht einfach sein, eine Familie in solchen Zeiten großzuziehen“, vermutete ich.
Der Mann zuckte mit den Schultern. „Unsere Vorfahren haben es inmitten eines Kriegs geschafft. Wir werden es heute auch schaffen. Uns sorgt nur die Frage, ob wir in Falle eines Krieges freiwillig oder … weniger freiwillig eingezogen werden.“ Seine Frage war vorsichtig formuliert, doch die Sorge um seine eigene Zukunft stand ihm ins Gesicht geschrieben. Mein Magen zog sich zusammen. Mit einem kleinen Kind sollte so etwas niemals seine Sorge sein müssen.
„Wir hoffen, dass es niemals nötig sein wird, auch nur irgendjemanden für einen Krieg einzuziehen. Für den Fall setze ich mich jedoch dafür ein, dass niemand unfreiwillig daran teilnimmt, solange keine Not dafür besteht. Jeder verdient die Chance, seine eigenen Kinder aufwachsen zu sehen.“
Mein Blick fiel auf das Baby in ihrer Schlinge. Beide strahlten auf es hinab, bis es vor Freude lachte.
„Gibt es irgendetwas, das Prièl tun kann, um euch hier in Hera zu helfen?“, fragte ich.
„Schließt die Grenzen“, antwortete die Frau bestimmt. „Zumindest, bis Ruhe eingekehrt ist. Ansonsten ist es hier einfach nicht so sicher, wie die Kinder es verdient haben.“
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Der Rest des Tages bestand aus dutzenden Gesprächen mit Einwohnende und einer persönlichen Tour der magischsten Ecken der Stadt. Als ich abends zurück in mein Hotelzimmer kehrte, hätte ich sofort schlafen können, doch mein Kopf schwirrte mit dem Input, den ich heute bekommen hatte. So viele Schicksale auf dieser Seite waren davon berührt, dass Nayere sich nicht vereinen konnte. Auch, wenn ich nicht den Fokus darauf verlieren wollte, dass es auf der anderen Seite ebenso Menschen gab, die ihre eigenen Sorgen deswegen hatten, schmerzten mich die Worte des Paares. Ich musste einen Weg finden, dieses verfluchte Land zu beruhigen. Egal, wie. So konnte es nicht weitergehen.
Ich schaute auf die Uhr. Zwar war es bereits spät, doch die Sonne war auch jetzt noch nicht vollständig untergegangen. Ich hatte Zeit, bis es dunkel genug wurde, dass ich über die Grenze schleichen konnte. Genug, um mich vorzubereiten.
Ich holte meine Tragetasche unter meinem Bett hervor. Sie war das Einzige, was ich nach Nori mitnehmen würde. Alles, was ich brauchte, musste hier hereinpassen.
Meine Mutter hatte mich früh gelehrt, wie ich wichtige Dinge für Reisen magisch verstauen konnte. Vorsichtig faltete ich meine Klamotten zusammen, legte die unauffälligeren beiseite. Die Medizintränke schimmerten sanft blau. Ich zähle sie erneut. Neun Stück waren bereit. Es musste reichen, auch wenn ich nicht hoffte, sie zu benötigen. Über den Tag hatte ich kleinere Mengen Essen versteckt, damit ich mir die nächsten Tage keine Sorgen machen musste. Selbst mit Magie war es nie einfach, sich Nahrung zu beschaffen und ohne sie würde ich noch viel größere Schwierigkeiten damit haben. Ich musste bloß hoffen, dass in den näher gelegenen Orten niemand mein Gesicht kannte und ich Hilfe bekommen könnte. Trotz allem musste ich zuerst auf mich selbst aufpassen.
Als ich alles wirklich Wichtige verstaut hatte, streckte ich meine Hände aus und flüsterte leise. Die Magie kribbelte von meiner Brust durch meine Arme bis in die Fingerspitzen, und im Nu war alles andere nur noch so groß wie meine Handfläche. Ich steckte es in die Tasche und schob sie unter mein Bett.
Für einen kurzen Moment blieb ich noch sitzen. Ich hatte alles. Die größte Frage war nun, was ich mit den Wachen vor meiner Zimmertür anstellen würde. Kurz überlegte ich. Sie hörten bestimmt vor allem auf Abgeordnete Rina. Andererseits hatte ich den Trumpf meines Familiennamens. Sollte ich Druck ausüben? Vermutlich war es meine einzige Chance, denn ich bezweifelte, dass meine Magie etwas bewirken könnte.
Ich stand auf, streckte meinen Rücken durch und öffnete die Tür. Zwei Wachen waren vor ihr stationiert, mit den Blicken stur geradeaus. Als sie mein Räuspern hörten, drehten sie sich überrascht um.
„Miss Tieran, ist alles okay?“, fragte einer von ihnen. Maxwell, wenn mich meine Erinnerung nicht täuschte.
Ich legte den Kopf schief und setzte einen unschuldigen Blick auf. „Es ist wirklich nichts Persönliches, aber ich fühle mich nicht unbedingt dabei wohl, dass in Hera Wachen vor meiner Tür stationiert sind. Es gibt mir das Gefühl, dass ich eine Gefangene bin anstelle eines Gasts.“
Maxwell schaute mich mit großen Augen an, räusperte sich, bevor er antwortete: „Ihr Unwohlsein tut uns natürlich leid, aber wir sind zu Ihrer eigenen Sicherheit da. Auch in Prièl haben Sie bestimmt Wachen, die zumindest Ihr Haus schützen, nicht wahr?“ Sein Ton war fürsorglich, doch ich bemerkte einen Hauch von Herablassung.
Ich setzte mein breitestes Lächeln auf und unterdrückte den starken Drang, mit den Augen zu rollen. Dann eben so. „Natürlich, aber ich möchte in den nächsten Wochen wirklich nicht an Schlaf verlieren. Ich beherrsche meine Magie sehr gut, und mein Vater, der Präsident von Nayere, hat mir seit meiner Kindheit den Nahkampf beigebracht. Ich bezweifle, dass er sich darüber freuen würde, wenn seine eigene Tochter nicht nur wie ein fragiles Ei behandelt wird, sondern auch noch ihre Gesundheit deswegen leidet.“
Endlich tauschten Maxwell und die andere Wache Blicke. Erst war es still, dann seufzte Maxwell.
„Wir werden morgen mit der Abgeordneten Rina darüber sprechen, inwieweit wir Ihren nächtlichen Schutz ändern können“, gab er schließlich nach.
Ich strahlte ihn an und erwiderte so süßlich wie möglich: „Danke sehr, Maxwell. Nun eine gute Nacht.“
Ich schloss die Tür und fluchte leise. Das würde zwar bedeuten, dass morgen niemandem so schnell auffallen würde, dass ich weg war. Durch die Tür heraus kam ich immer noch nicht. Nachdenklich lief ich durch das Zimmer. Die Eingangstür war die Einzige, die direkt in den Flur des Hotels führte. Das kleine Bad hatte keine Belüftung, für die ich klein genug war. Es gab keine weitere Treppe. Wo sollte ich hin? Wodurch konnte ich fliehen?
Das Fenster. Ich legte meine Hände auf das Glas. Es war Standard, durch den Schutzwall vermutlich nur leicht verstärkt. In Gedanken ging ich all die Zauber durch, die mir würden helfen können. Im Sicherheitstraining, das ich nach der ersten Wahl meines Vaters bekommen hatte, wurde mir beigebracht, durch alle ansatzweise dünne Materialien durchzukommen. Glas sollte ähnlich funktionieren.
Fehlte nur noch mein Weg nach unten. Ich schloss die Augen, versuchte mich an alles zu erinnern, was mir beigebracht wurde. Nicht einmal unsere Gründer hatten es geschafft, das Fliegen durch Magie zu meistern. Ich schaute aus dem Fenster auf die Straße. Es war relativ hoch. Vielleicht war es nur wichtig, weich zu landen. Wenn ich es genau plante, müsste es möglich sein, dass ich nach einem Sprung meine Geschwindigkeit verlangsamte und auf einer projizierten Matratze landete, die sich anschließend sofort auflöste.
Ich wollte nicht wissen, was Vater mit meinen Lehrenden machte, wenn er herausfand, wie einfach sie meinen Ausbruch gemacht hatten.
Zwar wussten die Bewohnenden seit heute, dass ich zu Besuch war, doch solange aus dem Parlament niemand in der Nähe des Hotels war, würde ich einfach fliehen können. Niemand würde wissen, dass ich verschwunden war, bevor ich die Grenze erreichte.
Doch zuerst musste ich schlafen.