Gerade, als ich am nächsten das Haus verlassen wollte, begrüßte mich Iris mit einem Zettel in der Hand. „Ich habe eine Idee, was es mit dieser Rebellengruppe auf sich haben könnte.“
Ich nahm ihn und hob eine Augenbraue. „Woher weißt du davon?“
Anstatt zu antworten, grinste Iris mich bloß an. Augenrollend warf ich einen Blick auf den Zettel. „Gebt uns eine Stunde eurer Zeit und wir bringen euch den Frieden. Findet uns an der Grenze zwischen Gut und Böse, bevor die Sonne untergeht.“ Ich schaute sie an. „Gut und Böse? Was meinen sie damit?“
Iris hakte sich bei mir unter und setzte sich in Bewegung. Ich verkniff mir ein Seufzen, folgte ihr aber.
„Ich wünsche dir übrigens wirklich einen schönen Morgen“, sagte sie und tätschelte meinen Arm. „Über die Worte habe ich auch schon nachgedacht. Der Flyer lag nur ein paar Meter vor unserem Trainingsstudio. Irgendjemand muss denken, dass Cadell-Territorium ein guter Ort dafür ist.“
„Ist es leider auch“, murmelte ich. Sie schaute mich fragend an, also erklärte ich missmutig: „Ich habe mit Mom und Dad geredet. Theoretisch stünden sie hinter einer Separation, da es uns ihrer Meinung nach ermöglicht, unsere Macht zu erhalten. Dafür wäre es ihnen sogar egal, wenn unsere Leute sterben.“
Etwas funkelte in ihren Augen, aber sie fing sich so schnell, dass ich an meinem Verstand zweifelte. „Über wen sollen wir Macht haben, wenn halb Diora tot ist und der Rest uns dafür hasst?“
„Herrschende der Asche. Das hat doch einen gewissen Klang, findest du nicht?“ Ich lachte bitter.
Iris stupste mich an. „Wir wissen beide, dass das niemals passieren wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Eltern es wirklich riskieren würden. Es steckt so viel Geld in dieser Stadt. Die Clubs, unser Business mit Dust, die Drinks. Bei einem Krieg würden wir das alles verlieren. Nie im Leben würden die Überlebenden es zulassen, dass es auf den Leichen ihrer Freunde aufgebaut wird. Das wird auch Mom und Dad auffallen.“
Ich zuckte bloß mit den Schultern und betrachtete die Stadt um uns herum. Viele der Gebäude waren halb zerfallen, aber es gab Anzeichen des Wiederaufbaus. Wir hatten Diora nicht verrotten lassen. Selbst die skeptischen Einwohner hatten Gefallen daran gefunden, in einem trockenen Haus zu schlafen.
Wir hatten uns so viel aufgebaut und so viel aus Diora herausgeholt. Um nichts in der Welt würde ich auch nur einen Teil davon aufgeben wollen. Alle Ecken und Enden zu kennen, sie mein Eigen zu nennen, das konnte ich nicht missen. Und ich müsste es verlieren, würden wir einen Krieg provozieren.
„Also, dieser Flyer. Was meinen sie und wie bist du darauf gekommen?“, lenkte ich das Thema wieder zurück.
Iris strahlte stolz. „Mal abgesehen von dem langweiligen Text steckt dahinter mehr. An der Grenze zwischen Gut und Böse meint die Zusammenführung zweier Straßen in Diora.“
Ich runzelte die Stirn. Dann machte es Klick. „Wo die Clubs und Wohnhäuser aufeinander treffen? Die endlos Feiernden und Trinkenden gegen die einfachen Leute?“
Sie nickte bestätigend. „Genau. Heute Abend werden sie in einem der Gebäude an dieser Ecke eine Kundgebung abhalten, in der sie darüber sprechen, wie sie den Krieg herbeiführen wollen.“
Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit, aber das musste Wren nicht wissen. Stattdessen fokussierte ich mich auf ein anderes Problem. „Fast alle Gebäude an der Stelle gehören uns. Ich kann mir vorstellen, dass Mom und Dad sie unterstützen, aber mit eigenen Unterkünften? Sicherlich nicht.“
„Es wird vermutlich nur temporär sein“, lenkte sie ein, „Sie mussten nur herausfinden, welches wir zurzeit nicht aktiv benutzen. Und dazu muss man die Ecke nur eine Weile beschatten.“
Ich legte den Kopf schief und betrachtete sie. „Erinnere mich daran, es dir niemals zu erlauben, hier wegzuziehen. Du hast viel zu viel Wissen über diese Stadt. Solltest du nicht meine klein Schwester sein, die mich für alles braucht?“
Sie lachte auf und schubste mich sanft. „Wir sehen uns heute Abend.“
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Ich hatte niemandem davon erzählt, wo ich den Abend verbringen würde. Wenn unsere Eltern wirklich diese Rebellen unterstützten, würde es sich nicht lohnen, mit ihnen über meinen Verdacht zu sprechen.
Um nicht besonders aufzufallen, hatte ich die unauffälligsten Klamotten gewählt, die ich besaß. Ein dunkles Shirt und simple Jeans; dazu hatte ich meine Haare zurückgebunden. So wirkte ich nicht anders als die meisten anderen Frauen in meinem Alter an einem Samstagabend. Iris dagegen hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, das Glitzer von ihren Augenlidern zu entfernen . Sie schien sich keine Gedanken darüber zu machen, ob sie jemand erkannte.
Den ganzen Weg verbrachte ich damit, mir über unsere Vorgehensweise Gedanken zu machen. Würde es reichen, die Gruppe anzuhören? Ich musste mehr Informationen über sie herausfinden als nur durch die Flyer. Sollte ich sofort einschreiten? Ich konnte es nicht riskieren, dass Rebellen in unserer Stadt mehr Einfluss gewannen als meine Familie. Nicht, dass Mom und Dad doch ihr eigenes Ende unterstützten. Aber ohne eine Entschuldigung wahllos Menschen zu töten würde nicht helfen.
Als wir näher an die Kreuzung kamen, war es recht schnell klar, wo das Treffen stattfand. Kleine Gruppen hatten sich vor einem der ältesten Gebäude gesammelt, eine unsubtiler als die andere. Die Menge bereitete mir sorgen. Niemals würde ich dort hineingehen können, ohne, dass mich jemand erkannte. Ich zog Iris beiseite.
„Du musst allein zu dieser Rede und sie dir anhören“, flüsterte ich, „Finde heraus, was genau ihr Plan ist und von wem sie Unterstützung kriegen.“
„Wieso sollte ich allein gehen?“, fragte sie irritiert zurück.
„Mir kommen ein paar von diesen Leuten bekannt vor. Wenn sie mich sehen, wissen sie genau, dass ich nicht aus freundlichen Gründen da bin. Ich habe noch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass mir die aktuelle Situation gut gefällt. Dich allein werden sie aber nicht zwingend damit in Verbindung bringen.“ Ich schaute sie eindringlich an. „Bitte, Iris. Ich muss wissen, auf was sich unsere Eltern eingelassen haben, und wie sehr es unserem Zuhause schaden wird., aber ich kann dort nicht rein.“
Für einen Moment sagte sie nichts, dann seufzte sie. Sie streckte ihre Hand aus.
„Okay, ich mache das allein. Dafür will ich deine Waffe.“
Ich griff in meine Tasche und zog sie heraus „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du sie brauchen wirst, aber okay.“
„Wenn mich einer von diesen komischen Leuten doch erkennt, brauche ich einen sicheren Weg heraus“, erklärte sie und versteckte die Waffe. Sie zog ihr Messer aus ihrer Hosentasche und reichte es mir. „Und wenn du mich schon so einer Sache aussetzt, kannst du mich wenigstens mit deinem wichtigsten Schatz beschützen. Du brauchst nur das hier im Schatten. Damit kamst du früher auch zurecht.“
Ich presste meine Lippen zusammen und nickte. Sie hatte ja recht, auch wenn ich es nicht gerne zugeben wollte. Als Dank umarmte ich sie fest, bis sie sich unauffällig in Richtung der Gruppen begab.
Hoffentlich würde sie irgendetwas herausfinden.
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Es war weit nach Sonnenuntergang und der Mond stand an seinem höchsten Punkt. Der Wind zerrte ungnädig an mir. Noch waren die Nächte nicht sonderlich warm. Vor Kälte zitternd vergrub ich meine Hände in meinen Jackentaschen. Verdammt. Ich hätte mich besser darauf einstellen sollen, dass es so lange dauern würde. Noch war keine einzige Person aus dem Gebäude herausgetreten.
Dem Gebäude, das wirklich meiner Familie gehörte. Für einige Jahre hatten wir es als Lager für größere Geschäfte benutzt. Waffen, Drogen, sogar einfach nur Medizin. Mit der Zeit hatten zu viele davon erfahren, und es war nicht mehr sicher für uns geworden. Immer mehr hatten versucht, einzubrechen. Als Mom dann auch noch eine Ratte enttarnt hatte, die Gegnern genaue Daten zu unseren Lieferungen herausgab, hatten wir die Gegend endgültig verlassen müssen.
Als genug Zeit vergangen war, dass es niemand mehr aufsuchte, hatten meine Geschwister und ich damit angefangen, es ab und an zu benutzen. Doch es war unregelmäßig und bloß an bestimmten Tagen. Ich hatte es erst vor kurzem für Unterricht mit den Kindern benutzt.
Wer wusste, dass es heute Abend frei sein würde? Wie kam es, dass keiner von uns bemerkt hatte, was dort aufgebaut wurde? War es Mom und Dad doch bewusst? Hatten sie dieser Gruppe Unterschlupf geboten, in der Hoffnung, dass sie während des Kriegs profitieren konnten? Vielleicht hofften sie, dass unsere Waffenverkäufe wieder dadurch angespornt werden konnten. Es gab keine bessere Kundschaft als die im Krieg.
Die kühle Luft trieb eine Gänsehaut über meine Arme und meinen Nacken. Genervt löste ich meinen Zopf und strich meine Haare darüber, in der Hoffnung, dass es schützen würde. Ich wippte mit den Beinen vor und zurück. Einerseits traute ich den meisten Menschen in Diora zu, schlau genug zu sein, sich nicht mit mir anzulegen. Andererseits hatte ich wirklich lange keinen richtigen Kampf mehr gehabt. Das mit Blaise Harlow hatte meine kampflustige Ader zwar ein wenig beruhigt, aber es war bei weitem nicht genug gewesen. Hier, zwischen zwei Häusern, gab es nur wenig Licht. Es wäre ein Leichtes für naive Jünglinge, mich anzugreifen, ohne entdeckt zu werden.
Als von der Straße heraus jemand mit einer Waffe herantrat, war es einzig und allein Iris‘ Stimme, die verhinderte, dass ich ihr ins Gesicht schlug.
„Bist du wahnsinnig, die Waffe in der Hand zu halten, wenn du nach weiß der Himmel wie viele Stunden im Dunkeln auftauchst?“, fluchte ich zwischen zusammengepressten Zähnen und zog sie näher heran.
„Ich teste gerne deine Reaktionsfähigkeit“, scherzte sie. Ihr Grinsen strahlte selbst in dem schwachen Licht, als sie mir die Waffe entgegenstreckte.
Mit den Augen rollend steckte ich sie wieder ein. Sie war kalt, was mich sofort beruhigte. Iris hatte sie zumindest nicht nutzen müssen.
„Mein Messer, bitte“, verlangte sie mit erhobenen Augenbrauen.
„Als reine Lehre sollte ich es behalten.“ Trotzdem gab ich es ihr wieder. „Worum ging es?“
Sie legte ihren Kopf erst zur einen, dann zur anderen Seite. „Dafür, dass sie es angekündigt haben, wirkte es unkoordiniert. Als wären sie sich nicht zu hundert Prozent sicher gewesen, worüber sie reden würden. Es gab eine lange Rede, dazwischen immer wieder Diskussionen mit den Leitenden, wenn man sie so nennen konnte. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass kurzfristig einiges geändert wurde. Sie verheimlichen irgendetwas selbst vor Interessierten.“
„Gab es denn irgendetwas Konkretes?“ Ich lehnte mich gegen eine Hauswand.
„Hauptsächlich haben sie, wie wir uns gedacht haben, eine völlige Trennung von Nori und Dhara thematisiert. Sie sehen Dhara als Ursprung allen Übels und als Hauptgrund, weswegen wir niemals fortschreiten können. Sie mögen nicht, dass wir immer noch mit Leuten aus Dhara zusammenarbeiten.“
Ich sog zischend die Luft ein. „Ganz Unrecht haben sie damit nicht. Natürlich machen wir uns weiterhin damit von den Dhara abhängig. Vorbereitet auf einen Krieg sind wir deswegen trotzdem nicht, egal, was sie versprechen.“
Iris lachte bitter. „Sie haben außerdem erstaunlich viel darüber gesprochen, dass sie keinen direkten Machtsturz wollen. Anscheinend ist ihnen bewusst, wie wichtig die Familie Cadell der Mehrheit der Bewohner ist.“
„Das will ich auch hoffen!“, schnaubte ich. Es war schlimm genug, dass diese Leute einen Krieg provozieren wollten. Ich wollte mir nun nicht auch noch Sorgen machen müssen, dass sie anschließend unsere Familie umbringen wollten.
„Sicher, dass dein Problem mit den Rebellen nur ein Machtkampf ist?“, fragte Iris und schaute mich vielsagend an.
„Was willst du sagen?“
„Ein Krieg würde jegliche Möglichkeit einer Vereinigung von Nayere eliminieren.“ Sie verschränkte die Arme, ein Mundwinkel zuckend.
Ich rollte mit den Augen und stieß mich von der Wand ab, um mich auf den Weg nachhause zu begeben. Iris holte auf und lief neben mir.
„Von uns beiden hättest du ein viel größeres Problem damit und das weißt du auch“, sagte ich bestimmt, „Dhara wird sich niemals dazu erniedrigen, einzugestehen, dass wir auch ohne Magie gleich viel wert sind. Ich verstehe nur den Sinn dahinter nicht, noch mehr umzubringen, um diese Trennung zu erreichen. Es muss eine andere Lösung geben. Und bis dahin finde ich es wichtiger, uns aufzubauen, anstatt sie hinunterzuzerren.“
Iris schwieg. Unwohlsein machte sich in mir breit. Ich wusste, dass ich harsch klang.
„Du warst schon immer hoffnungsvoller als ich“, sagte ich sanfter, „Du bist die Balance zu meinem Zynismus. Ich sehe einfach keinen Sinn dahinter, an etwas zu glauben, was Dhara niemals wollen wird. Ich weiß, du willst ohne Grenzen das Land bereisen, und ich weiß deinen Optimismus zu schätzen. Es fällt mir einfach schwer, einen Weg zu sehen, mit dem uns allen geholfen ist. Wir kennen beide nichts anderes als das, was jetzt ist.“
„Und ich möchte mehr für uns. Ist das denn so abwegig?“ Iris grub ihre Hände in ihren Hosentaschen. Ihr Blick war stur geradeaus gerichtet, aber ich konnte im schwachen Licht der Laternen erkennen, dass ihr Kiefer angespannt war.
„Natürlich nicht. Aber wenn du siehst, wie die Soldaten an den Grenzen uns behandeln, wie viel strenger die Sanktionen werden, nur, weil wir uns verteidigen, kannst du wirklich glauben, dass ein vereintes Nayere eine Chance hat?“
„Habe ich eine andere Wahl?“ Sie drehte sich zu mir und blieb mitten auf der Straße stehen. „Diora geht es gut. Zumindest uns geht es gut, aber dem Rest von Nori eben nicht. Die Grenzorte geraten immer mehr in Streitigkeiten mit denen aus Dhara. Wie lange, bis irgendwelche Politiker die Grenze weiter ziehen wollen? Sollen wir auf ewig in Angst leben, Haelyn?“
Ich seufzte. Wie sollte ich gegen sie argumentieren? Ich legte meine Hände auf ihre Schultern. „Du weißt, dass ich es so nicht meine. Wenn du eine Idee hast, wie wir den Dhara jemals in Frieden gegenübertreten können, höre ich dir gerne zu.“
Sanft schob sie meine Hände weg und nahm sie. „Ich habe keine. Alles, was ich habe, ist Hoffnung.“ Ihre Augen begannen zu funkeln. „Ich habe auch vergessen, dir von einer wichtigen Sache zu erzählen.“
Mein ungutes Gefühl kehrte zurück. „Was ist los?“
„Einer der Redner hat mehrfach über die Kirche gesprochen. Dass sie Karten von ihr entdeckt und etwas gefunden hätten, das wir nutzen könnten, um die Dhara ‚uns gleich zu machen‘.“
„Uns gleich machen“, wiederholte ich langsam, „Hat er genauer gesagt, was er damit meint?“
Sie verdrehte grinsend die Augen. „Natürlich nicht. Darüber haben sie auch eine Weile gestritten, wenn auch ohne Mikrofon. Er hat davon geschwärmt, es uns bald zu zeigen.“
„Denkst du, woran ich denke?“
Iris nickte, ihr Ausdruck entschlossen. „Wir müssen die Kirche untersuchen.“