Kapitel Sechs – Caia

Die Vögel zwitschertem vor dem Fenster, die Sonne strahlte auf mich hinab, und die schlaflose Nacht zog an meinen Nerven wie ein Anker. Meine Eltern hatten mich schon früh gelehrt, meine dunklen Augenringe mit Magie zu kaschieren. Die Familie des Präsidenten durfte niemals zeigen, dass es uns schlecht ging. Wir waren das Abbild unserer Regierung; wenn es uns nicht gut ging, konnte die Gesellschaft sicherlich keine Besserung erwarten. Also versteckten wir unsere Makel und vermittelten allen ein gutes Gefühl.

An Tagen wie diesen war das jedoch besonders anstrengend.

Mutter und Vater saßen an ihrem Ende des Frühstückstisches und bissen entspannt in ihre Ansammlung aus Früchten. Vater las währenddessen die Zeitung und lächelte vor sich hin. Die Nachrichten berichteten vermutlich wohlwollend von den neuen Gesetzen, die er durchgebracht hatte.

Der kühle Schweiß an meinen Händen war meine ständige Erinnerung daran, dass ich mit ihm und Mutter reden musste. Die ganze Nacht hatte ich ein Konzept erarbeitet. Eine Rede, wie ich sie davon überzeugen könnte, mich mehrere Wochen gänzlich allein an die Grenzen zu Nori zu senden. Es wäre das erste Mal, dass ich ohne sie gehen würde. Dass ich dabei sofort ihr Vertrauen brechen würde, half meiner Nervosität kein Bisschen.

Doch es musste funktionieren. Ich brauchte diese Chance, um Dhara und vielleicht ganz Nayere zu helfen. Es wieder zu vereinen und endlich wieder Frieden bringen zu können.

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Ich wartete, bis sie ihr Essen beendet hatten, bevor ich mich räusperte. Mutter schaute verwundert in meine Richtung. Ich faltete meine Hände unter dem Tisch, um ihr Zittern zu verbergen, streckte meinen Rücken durch und wandte mich ihnen zu. Mein Gesichtsausdruck blieb neutral. Ich durfte keine Emotionen zeigen. Es musste komplett auf Logik basieren.

„Vater, Mutter“, begann ich, „Mittlerweile bin ich achtzehn Jahre alt. Meine gesamte Jugend habt ihr mir gezeigt, was es bedeutet, für unser Land zu arbeiten. Nur das Beste für Nayere zu wollen. In diesen Zeiten, in denen Konflikte immer angespannter werden, fällt es mir schwer, in Prièl zu sitzen und nicht genau zu wissen, wie es unseren Bewohnende an der Grenze geht. Sicherlich berichten ihre Politiker regelmäßig und aufschlussreich, doch wie sicher fühlen sich die Menschen dort wirklich? Gibt es etwas, was wir als einflussreichste Familie in Dhara übersehen?“

Mutter legte ihren Kopf zur Seite. Vater nickte nachdenklich. Beide fielen mir jedoch noch nicht ins Wort, was ich als gutes Zeichen nahm. Ich atmete noch einmal tief durch und fuhr fort.

„Wir müssen uns der Realität stellen, dass wir, solange wir in Dhara bleiben, den Menschen in den Grenzstädten nicht ausreichend werden helfen können. Soldaten werden ihnen nichts bringen, wenn es an Nahrung oder Infrastruktur mangelt. Wir wissen alle, dass es Dinge gibt, die Politiker selbst ihrem Präsidenten verschweigen, weil es sie selbst in ein schlechtes Licht rücken würde.“ Ich schaute nun direkt zu Vater. „Du erinnerst dich vielleicht daran, dass mir die Parlamentsmitglieder in Hera angeboten haben, sie zu besuchen. Ich möchte dieses Angebot gerne sofort einlösen. Wenn möglich, am besten morgen.“

„Wieso das?“, fragte Mutter bestürzt, „Das ist viel zu früh. Willst du nicht lieber warten, bis die Soldaten angekommen sind? Hera ist direkt an der Grenze.“

Ich lehnte mich vor, schaute sie eindringlich an. „Genau deswegen möchte ich schon jetzt gehen. Die Soldaten werden ein klares Zeichen an die Menschen dort senden, dass die Zeiten unsicherer werden. Sie werden sich lange nur darauf fokussieren können. Ich möchte wissen, ob es sonst etwas gibt, außer einer direkten Angst vor einem Krieg. Vielleicht finde ich sogar heraus, dass eine erhöhte Anzahl an Militäraufkommen in ihrer Stadt genau das ist, was sie sich wünschen. Ist es nicht wichtig für uns, mit allen in unserem Land zu kommunizieren? Damit wir nicht vergessen, wer uns diese Macht überhaupt schenkt.“

Lange Zeit blieb es still. Mein Herz hämmerte in meiner Brust. Meine Argumente mussten einfach gut genug für sie sein. Sie mussten es. Sonst wusste ich nämlich nicht, wie ich sie noch überzeugen könnte.

„Aber wie lange möchtest du dort hin?“, sagte Vater endlich. „Wenn, dann nicht ohne Wachen. Bist du dir wirklich sicher, dass du das tun möchtest?“

„Ich bin mir zu hundert Prozent sicher“, versicherte ich ihm. „Ich möchte ein authentisches Erlebnis in Hera, weswegen ich geplant habe, ohne Wachen zu reisen. Sicherlich sind die Parlamentsmitglieder in Hera so gut ausgestattet, dass sie mir Teile ihrer Sicherheit stellen können. Ich möchte das Vertrauen der Einwohner Heras bewahren. Würde ich ihnen nur mit Wachen begegnen, könnten sie mir niemals glauben, dass keine Gefahr herrscht.“

Mutter rang mit ihren Händen, während Vater seine Lippen zusammengepresst hatte. Sie wechselten intensive Blicke, schienen stumm miteinander zu kommunizieren. Jetzt oder nie. Entweder würden sie mir zustimmen und mir die Möglichkeit geben, zu reisen, oder sie würden mich für wahnsinnig halten. Wenn sie jetzt nicht überzeugt waren, würde es nichts mehr schaffen.

„Wir haben Vertrauen in dich“, gab Vater schließlich bekannt und wandte sich wieder mir zu. „Verspiele es nicht. Du wirst nach Hera reisen und du wirst so lange bleiben dürfen, bis die Grenzen offiziell gestärkt werden. Zu diesem Zeitpunkt wird es eine offizielle Zeremonie geben, zu der wir selbstverständlich anwesend sein werden. Anschließend werden wir gemeinsam zurückreisen. Aber-“ er hob mahnend seinen Zeigefinger,  „- du wirst ohne Wachen nicht durch die Grenzstadt gehen. Ich werde den Parlamentsmitgliedern Bescheid geben, dass du zu jeglicher Zeit einen Wachen haben wirst, der dich begleitet. Sollte irgendetwas schief gehen oder sollte sich die Lage verschärfen, kommst du umgehend zurück. Ist das klar?“

Ich nickte und unterdrückte ein Lächeln. „Ich danke euch von ganzem Herzen. Danke, dass ihr mir vertraut.“

Mutter ging um den Tisch herum und drückte mich sanft an sich. Ihre Hand streichelte meinen Rücken, als sie ihre Wange auf meinen Scheitel legte. „Du bist schon so erwachsen geworden. Ich bin stolz auf dich, dass du so viel Verantwortung übernehmen möchtest, aber pass bitte auf dich auf.“ Ihre Stimme war sanft, beinahe traurig.

Emotionen überfluteten mich. Meine Eltern glaubten an mich und hier war ich, mit dem Plan, sie wochenlang zu belügen. Ich hatte ihr Vertrauen nicht verdient. Ich hatte ihnen ohne zu blinzeln von Dingen erzählt, die ich nicht einmal versuchen wollte einzuhalten. Und sie waren sich sicher, dass ich offen mit ihnen war. Tränen bildeten sich in meinen Augen, doch ich zwang sie zurück, gemeinsam mit dem Kloß in meinem Hals. Es war das Beste für Dhara und für Nayere. Es würde zu Gutem führen. Ganz sicher.

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Die Kirche der Aurnia war an diesem Tag voll von Menschen. Direkt nach meiner Bekanntgabe hatte Vater eine letzte Messe einberufen lassen, um mich auf dem Weg nach Hera zu unterstützen. Mit meinem professionellsten Lächeln auf dem Gesicht stand ich nun hier neben der Priesterin und beobachtete die Menge, die sich versammelt hatte. Parlamentsmitglieder sowie Unterstützende meines Vaters waren heute gekommen, um für mich zu beten. Bei einigen von ihnen hatte ich die Namen schon längst vergessen, trotzdem wusste ich ihre Anwesenheit zu schätzen, auch wenn alles auf einer Lüge basierte.

Die Sonne schien durch die bunten Fenster und tauchte das Innere in eine Welle aus Farben. Das leise Summen der Anwesenden hallte durch die große Steinhalle. Hier und da flogen Lichter an der Decke, umrundeten die Büsten unserer Göttin. Jeder Platz der Steinbänke war heute belegt.

„Werte Mitglieder“, begann die Priesterin und brachte damit alle zum Verstummen. „Heute ist kein gewöhnlicher Tag. Heute sind wir hier, um eines unserer wichtigsten Mitglieder zu verabschieden. Caia Tieran.“ Ihre strahlend blauen Augen richteten sich auf mich. Sie lächelte sanft. Ihre Haare waren ein tiefes Braun, geflochten in mehreren kleinen Zöpfen ihre helle Haut funkelte dank ihrer Magie. Dazu strahlte sie eine unglaubliche Wärme aus, die mich schon in vorherigen Messen beruhigt hatte.

„Unsere junge Caia wird am morgigen Tag unser geliebtes Prièl verlassen, um sich den Einwohnern Heras zu widmen. Caia möchte dabei helfen, die Beziehungen zwischen Dhara und Nori zu verbessern. Sie plant, in ihrer Zeit in Hera den Menschen zu helfen, sich sicher zu fühlen, und eine Verbindung zu Prièl zu erschaffen, die es so noch nicht gab.“

Sie hob die Hände und ließ zwei Energieströme über sich tanzen. Sie wirbelten erst um sie herum, dann um mich. Ich musste ein Lachen unterdrücken, als ihre Geschwindigkeit an meinem Kleid zog und meine Haare aufwühlte. Leichtigkeit durchflutete mein Herz.

„Lasst uns Aurnia bitten, Caia auf ihrem Weg zu beschützen, und sie in Hera zu leiten“, sprach die Priesterin weiter, „Möge Aurnia ihr ans Herz legen, das Richtige zu tun, und dabei den Weg der Göttin schreiten.“

Nun standen auch die restlichen Mitglieder auf, allen voran meine Eltern in der ersten Reihe, und hoben ihre Arme. Die Priesterin nahm sanft meine Hand und führte mich in die Mitte des Altars. Anschließend begannen wir zu singen. Eine Dankeshymne auf unsere Göttin, die uns die Macht geschenkt hatte, Magie zu wirken. Wir wollten ihr auf ewig folgen und ihr Geschenk für Gutes nutzen.

Meine Gedanken wanderten zu dem neuen Gesetz meines Vaters, zu dem Stolz in seinen und Mutters Augen, als sie mir davon erzählt hatten. War dies das Gute, für das wir unsere Magie nutzen wollten? Beschützten wir damit wirklich die Göttin und uns selbst?

Am Ende der Hymne ließen auch die anderen ihre Magie als Energieströme um mich tanzen, hüllten mich in Licht und dem Gefühl der Liebe. So sehr ich es vermissen würde, so schwierig sich auch alles anfühlte, das würde ich nie vergessen.

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