Am Morgen meiner Abreise hatte ich genau so viel Schlaf bekommen wie in der Nacht zuvor. Selbst nachdem ich meinen gesamten Proviant vorbereitet hatte, war ich nicht in der Lage gewesen, mich zu entspannen. Mehrmals ging ich meinen Plan durch. Wann ich aus Hera verschwinden wollte, wo ich rasten wollte, wie ich bei Wetterumschwüngen eine trockene und sichere Unterkunft fand. Trotz meiner Erschöpfung verspürte ich elektrisierende Aufregung bei dem Gedanken daran.
Heute war es so weit. Heute würde ich nach Hera reisen und meinen Plan beginnen. Ich saß auf meinem Bett, in einem schlichten Sommerkleid und leicht gewellten Haaren und schaute unsicher in den Spiegel.
„Ob das alles wirklich eine gute Idee ist?“, murmelte ich ins Leere. Doch mir war selbst bewusst, dass es keinen Weg zurück gab.
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Meine Tasche war gepackt. Alles, was ich ohne meine Magie in Nori gebrauchen konnte, verstaute ich so tief wie möglich. Nicht, dass Mutter und Vater etwas bei ihrem Anblick etwas ahnten. Als Ablenkung hatte ich einen Zeichenblock mit Stiften eingepackt. Für den Fall, dass die andere Hälfte des Landes mich inspirierte. Nichts mehr hielt mich auf.
Vor der Treppe holte ich tief Luft. Im Eingang standen Vater und Mutter. Auch heute wirkten sie bereit für Fotos oder Gemälde. Doch Mutter konnte nicht aufhören, ihr Oberteil glattzustreichen und Vaters Augen wanderten überall hin, nur nicht zu mir. Anspannung hing in der Luft.
„Deinem Mut gebührt alle Ehre“, sagte Vater stolz. Endlich schaute er mich an. Seine Augen glänzten. „Und trotzdem sorge ich mich darum, was passieren wird, wenn du unser Zuhause verlässt. Du bist eine erwachsene Frau. Auch du hast es verdient, die Welt zu sehen. Umso mehr freue ich mich, dass du es dafür nutzt, deinem eigenen Land zu dienen.“ Mit grazilen Schritten trat er an mich heran und legte seine Hände auf meine Oberarme.
„Pass auf dich auf“, flüsterte er mir mit gebrochener Stimme zu und umarmte mich.
Mutter war ebenso kurz angebunden, strich jedoch noch eine entkommene Strähne hinter mein Ohr. Ihr Blick war weich, fürsorglich.
„Wir glauben an dich, Liebes.“ Als sie ihre Arme um mich schloss, murmelte sie noch: „Komm heil zu uns zurück.“
Ich blinzelte heftig, versuchte, meine eigenen Tränen zu unterdrücken. Für sie musste ich stark sein. Für Nayere.
Wachen öffneten die Tür; unser Zeichen, das Haus zu verlassen. Einige lokale Politiker warteten darauf, mich zu verabschieden. Sie redeten mir gut zu, während sie meine Hand schüttelten, auch wenn der ein oder andere nicht überzeugt davon aussah, dass ich irgendetwas erreichen würde. Ich lächelte jedes Misstrauen weg, bedankte mich, bis ich vor dem Tor stand.
Ein Wagen stand auf der Straße für mich bereit und der Fahrer hielt für mich die Hintertür auf. Adrenalin schoss durch meinen Körper und mein Herz begann zu rasen. Ich tat es wirklich. Wenn ich jetzt einstieg, würde ich meinen Plan durchziehen. Nun gab es absolut keinen Weg mehr zurück.
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Dharas Landschaft überwältigte mich jedes Mal aufs Neue. Überall mischte sich die Natur mit unserer Magie. Gigantische Hochhäuser, Wasserparks, Lufttransporte. Aurnia hatte uns keine Grenzen gesetzt, also hatten meine Vorfahren sich an allem versucht. Herausgekommen war dabei ein Land, das vor Potenzial nur strotzte. Bewohner der Orte, durch die wir reisten, winkten mir strahlend zu. Überall gab es Märkte und Attraktionen. Sie waren voller Leben, so, wie ich Dhara liebte.
Mein Körper sehnte sich nach Ruhe und einer Minute schlaf, doch meine Aufregung hielt mich wach. Auch wenn ich nicht vorhatte, lange in Hera zu bleiben, freute ich mich darauf, es zu erleben. Bei unserer Ankunft war die Sonne längst den Sternen gewichen. Außerhalb der belebten Orte erstrahlte der Himmel in tausenden Lichtern. Bewundernd versuchte ich, die Konstellationen zu erkennen. Je näher wir Hera kamen, desto weniger von ihnen waren sichtbar. Enttäuschung mischte sich mit Vorfreude. Gern hätte ich mehr Zeit unter dem Sternenhimmel verbracht, doch nun war es Zeit. Als wir in Hera ankamen, war es beinah taghell.
Durch die getönten Fensterscheiben konnte ich all die Politiker und Polikterinnen sehen, die vor dem Parlamentsgebäude auf mich zu warten schienen. Ihre helle Kleidung stach vor den hellen Gebäuden hervor und ihre Haare waren in Zöpfe gedreht. Auch trugen sie allesamt das gleiche, höfliche Lächeln, das nie bis zu den Augen reichte. Ob sie überhaupt damit gerechnet hatten, dass ich ihren Vorschlag annahm?
Nervös fuhr ich mit den Händen über mein Kleid und richtete es, damit es auch über meine Knie ging. Mit einem kurzen Flug über die Haare richtete ich meine Wellen, die nach der langen Fahrt an Form verloren hatten. Ich war dankbar dafür, dass ich meine Haare offen gelassen hatte. All der aufwendige Schmuck, den ich hätte tragen müssen, wäre nur Ballast gewesen. Vermutlich wäre er mir in all der Aufregung sogar herausgefallen. Und auch, wenn ich nicht vorhatte, länger als ein oder zwei Tage hierzubleiben, wollte ich einen guten Eindruck machen. Ich wollte Mutter und Vaters Karrieren nicht damit schaden, dass ich mich hier daneben benahm. Das hatten sie nicht verdient. Meine Finger zitterten. Ich durfte mir nichts anmerken lassen.
Die Stimme des Fahrers holte mich zurück in die Gegenwart. „Edle Anwesenden aus Hera, ich bringe Ihnen Caia Tieran, Tochter des Präsidenten Tieran, aus unserer Hauptstadt Prièl.“
Er öffnete die Wagentür. Ich musste all meine Erfahrung aufwenden, um nicht gegen das grelle Licht anzublinzeln. Ohne den Schutz der gedimmten Scheiben war es noch heller als ich gedacht hatte. Wie konnten die Bewohnenden der Stadt schlafen?
Mein Fahrer hielt mir die Hand hin, die ich dankend annahm. Mit einem müden Lächeln stieg ich aus. Zuerst ging ich auf die dienstälteste Politikerin zu und schüttelte ihre Hand.
„Es ist mir eine Ehre, Ihre Stadt besuchen zu dürfen“, sagte ich aufrichtig.
Bei allen achtete ich auf den passenden Handgriff und die exakte Länge, denen ich ihnen in die Augen schauen konnte. Jede Bewegung hakte ich ab in meiner inneren Checkliste. Drei Sekunden schütteln und nicht länger, einen Wimpernschlag die Hände drücken, nicht stolpern, das Lächeln bleibt breit, doch nicht zu breit.
Auch wenn mein Vater nicht immer Präsident gewesen war, stand ich dank der politischen Laufbahn meiner Eltern von Klein auf in der Öffentlichkeit. Mutter hatte sich früh an der Karriere ihres eigenen Vaters orientiert, wodurch sie besonders lokal beliebt waren. Mein erster öffentlicher Auftritt war aufgrund dessen mit vierzehn Tagen gewesen, als sie meine Geburt offiziell bekannt gegeben hatten.
Treffen wie heute waren nichts Neues für mich. Trotzdem fühlte sich etwas anders an. Ich war mir nicht sicher, ob es daran lag, dass ich allein reiste, oder daran, dass ich diese Menschen anlog.
„Es ist schön, Sie hier begrüßen zu dürfen“, sagte die rothaarige Politikerin, die mich auf der Feier eingeladen hatte.
„Danke, dass Sie meine Anreise in so kurzer Zeit einrichten konnten.“ Ich meinte es ehrlich. Ich hatte keine Ahnung, wie ich sonst in die Nähe der Grenze hätte kommen können, hätten sie nicht sofort allem zugestimmt.
Sie lächelte warm und breitete ihren Arm aus. „Etwas anderes wäre uns niemals in den Sinn gekommen. Kommen Sie mit, lassen Sie uns Ihnen ihr Zuhause zeigen. Sie sind sicherlich müde von dem langen Tag.“
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Sie führte mich durch die Straßen von Hera. Die Steine waren künstlich geformt, und gaben bei jedem Schritt einen leisen Ton von sich. Mit so vielen Menschen ertönte bei jeder Bewegung ein gesamtes Orchester.
Trotz ihrer Nähe zur Grenze hatten nur wenige Gebäude im Bürgerkrieg erhebliche Schäden erlitten, weswegen die Fassen vieler noch immer Hunderte von Jahre alt waren. Die Dächer aus der Zeit waren leicht geschwungen, die Steine dunkel und mit filigranen Details graviert. Je mehr davon ich sah, desto schwerer fiel es mir, den Konversationen der anderen zu folgen. Die Szenerie zog mich in ihren Bann.
„Wie kam es, dass Hera im Bürgerkrieg so viel Glück hatte? Nicht einmal in Prièl existieren noch so viele Häuser aus der Zeit vor der Teilung“, fragte ich mit einer Mischung aus Verlegenheit und Bewunderung. „Leider weiß ich nicht viel über die Nachkriegszeit außerhalb der Hauptstadt.“
Die rothaarige Politiker lächelte stolz. „Auch wenn Hera nicht so alt ist wie Prièl, haben sich nach der Gründung Nayeres viele mächtige Magier hier niedergelassen. Die Nachfahren dieser liebten die Stadt deshalb umso mehr. Durch unsere Nähe zum heutigen Nori, erfuhren wir als eine der Ersten von geplanten Angriffen. Es konnten Schutzwalls errichtet werden, die weite Teile der Stadt schützen konnten. Nicht viele haben überlebt, doch ihr Schutz blieb. Insofern war es, im Großen und Ganzen, die Liebe zu diesem Ort und eine kleine Priese Glück, die Hera so lange erhält.“ Ihre Augen leuchteten, als sie eines der Gebäude betrachtet. „Ihre Nachkommen verstärken heute noch an den wichtigsten Orten diesen ursprünglichen Schutzwall. So wie hier.“
Das Gebäude hatte drei Stockwerke und eine ausladende Erscheinung. Das Wort „Theater“ zierte in großen Lettern die Fassade. Ich verengte die Augen, bis ich erkannte, wovon sie sprach. Nur wenige Millimeter davor gab es eine leichte Verzerrung in der Luft. Vorsichtig spreizte ich meine Finger, bis sie auf die Grenze stoßen. Ein Surren kribbelte durch meine Fingerspitzen.
„Das ist beeindruckend“, hauchte ich. „Es muss so viel Energie kosten, so etwas aufrecht zu erhalten.“
Die Politikerin musste mich gehört haben, denn sie antwortete: „Über die Jahre wurde die Verantwortung des Schutzwalles auf mehrere Personen ausgeweitet, sodass die Kost mittlerweile geringer ist. Vor einigen Jahren haben wir dazu mit Hilfe eines Kristalles einen Trank entwickeln können, der die Arbeit vereinfacht. Die Sicherheit der Stadt ist uns wichtig. Wir tun alles, um sie zu erhalten, wie sie einst war.“
„Faszinierend.“ Ich verbrachte noch einen Moment an dem Schutzwall, bis mir wieder einfiel, wofür ich gekommen war. Hera war faszinieren, doch sie war nicht meine Hautaufgabe. Ich drehte mich zu ihr um und bedeutete ihr, dass wir weitergehen konnten.
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Das Hotel musste erst kürzlich renoviert worden sein. Die Wände schmückten magische Hologramme, der Zimmerschlüssel verband sich mit meinem Fingerabdruck, und das Schlafzimmer war bei meinem Eintritt immer noch dabei, sich selbst zu reinigen. Hera nutzte Magie in jedem Zentimeter ihrer Selbst. Auch wenn ich die freie Nutzung in Prièl gewohnt war, kam ich nicht umhin, beeindruckt zu sein. Es war überwältigend, zu sehen, was damit gemacht werden konnte.
„Hier werden Sie für die nächste Zeit schlafen“, sagte die Abgeordnete, „Für heute ist für Sie nichts mehr geplant, da wir Sie nicht weiter belasten wollen. Morgen früh würde ich Sie jedoch gerne zu einem gemeinsamen Frühstück einladen, wonach ich Ihnen die besonderen Orte unserer geliebten Stadt zeigen möchte.“
Ich drehte mich zu ihr um und ergriff dankbar ihre Hand. „Das klingt fabelhaft. Danke, Abgeordnete.“
Sie drückte meine Hand. „Bitte, nennt mich einfach Rina.“
„Danke, Rina“, korrigierte ich mich, „für Ihre Gastfreundschaft. Ich werde mein Bestes geben, es Ihnen recht zu machen. Haben Sie eine erholsame Nacht.“
Nachdem sie gegangen war, suchte ich nach meiner Tasche und entdeckte sie neben meinem Bett. Erstaunlich, wie schnell der Fahrer sie hierhergebracht haben musste. Ich suchte ein gutes Outfit heraus, das ich für den morgigen Tag ausgewählt hatte, und legte es bereit auf die Couch. Sofort dimmte ich die wandhohen Fenster, die in Richtung der Innenstadt verliefen. Solche sorgten in fremden Umgebungen immer dafür, dass ich mich beobachtet fühlte. Tiefe Dunkelheit brach über mich rein und mein Herz verlangsamte sich umgehend. Für einen kurzen Moment setzte ich mich auf das Bett und sank sofort darin ein.
Der Raum war groß, definitiv größer als für eine Person nötig war. Der Boden bestand aus rotem Teppich, der sich ohne Schuhe beinahe wie Gras anfühlte, während die Wände in einem einfachen Weiß gehalten waren. Eine Reihe an Gemälden spielten den Ablauf der Geschichte Nayeres durchs. Eine milchige Tür führte offensichtlich in mein eigenes Bad. Die mehreren Kopfkissen wirkten nach dem langen Tag verführerisch.
Der Geruch von frisch gepflückten Blumen stieg mir in die Nase. Der Service hatte mit ihnen eine Flasche frischen Wassers für mich bereitgestellt, woraufhin mir erst bewusst wurde, wie durstig ich war. Trotz meines Proviants hatte ich es die ganze Fahrt über nicht geschafft, irgendetwas aufzunehmen. Wie auf Knopfdruck knurrte mein Magen. Ich musste etwas zu Essen finden. Sollte ich ein gutes Restaurant suchen? Nein, dafür war es sicherlich zu spät. Also fragte ich die Wache an meiner Tür, die Rina so freundlich platziert hatte, ob sie mir etwas bringen konnte.
Während ich wartete, wurde mir die Situation erst richtig bewusst. Ich war in Hera. Ich hatte meine Familie und einflussreiche Politiker angelogen, um hierher zu kommen. Würde ich es auch schaffen, die Grenze zu überschreiten?
Meine Hände begannen zu zittern. Eine Mischung aus Angst und Aufregung durchflutete meinen Körper. Ein Teil von mir schrie danach, diesen Besuch wirklich zu vollenden. In Hera zu bleiben, den Politikern folgen, wie offiziell geplant. Oder noch besser, ich sollte einfach nach Prièl zurückkehren. Mich bei Mutter und Vater entschuldigen und in ihre Fußstapfen folgen. Doch tief in meinem Inneren war mir bewusst, dass ich nichts davon tun konnte. Das hier war mein Alles oder Nichts. Ich hatte keine andere Wahl, als morgen Hera in Richtung Nori zu verlassen.